{"id":249,"date":"2013-05-16T10:34:29","date_gmt":"2013-05-16T08:34:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.schallhorn.com\/wordpress\/?p=249"},"modified":"2013-08-07T15:39:12","modified_gmt":"2013-08-07T13:39:12","slug":"eroffnung-des-28-deutschen-schulgeographentages-wien-2002","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schallhorn.com\/?p=249","title":{"rendered":"Er\u00f6ffnung des 28. Deutschen Schulgeographentages Wien 2002"},"content":{"rendered":"<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Begr\u00fc\u00dfung und Er\u00f6ffnung durch<\/b><\/p>\n<p><b>Dr. Eberhard Schallhorn, 1. Vorsitzender VDSG<\/b><\/p>\n<p><b>\u00a0<\/b><\/p>\n<p>Verehrte Ehreng\u00e4ste,<\/p>\n<p>sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen.<\/p>\n<p>Ich erkl\u00e4re f\u00fcr den Verband Deutscher Schulgeographen den 28. Deutschen Schulgeographentag in Wien 2002 unter dem Motto \u201eBr\u00fccken bauen. Europa und die Erweiterung der EU &#8211; Aufgaben und M\u00f6glichkeiten f\u00fcr den Geographieunterricht\u201c f\u00fcr er\u00f6ffnet.<\/p>\n<p>Informieren, reflektieren, orientieren &#8211; wir hoffen, dass auch dieser 28. Deutsche Schulgeographentag\u00a0 diesen Anspr\u00fcchen gerecht wird, die auf dem Schulgeographentagsbanner fixiert sind:<\/p>\n<ul>\n<li>Sich <b>informieren<\/b> k\u00f6nnen \u00fcber das Lehrmittelangebot der Verlage und \u00fcber die Lage der Schulgeographie,<\/li>\n<li>angeregt werden zum <b>Reflektieren<\/b>\u00a0 \u00fcber Methoden, Inhalte und Bedeutung des Faches sowie<\/li>\n<li>sich <b>orientieren<\/b> k\u00f6nnen \u00fcber neue Str\u00f6mungen, neue Ideen, neue Inhalte.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Ich w\u00fcnsche Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen, dass Ihnen das alles zu Ihrer Zufriedenheit gelingen m\u00f6ge.<\/p>\n<p>Der Deutsche Schulgeographentag ist einer der beiden gro\u00dfen Kongresse der deutschen Geographie. Er wird\u00a0 veranstaltet vom Verband Deutscher Schulgeographen und in seinem Auftrag ausgerichtet durch den Ortsausschuss.<\/p>\n<p>Der Deutsche Schulgeographentag ist auf die Schule hin orientiert, wo der Grundstein gelegt wird f\u00fcr den Erfolg und die Anerkennung der Disziplin Geographie insgesamt. Die deutsche Hochschulgeographie und die anderen Teilverb\u00e4nde der deutschen Geographie, die in der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Geographie verbunden sind, auch die anderen Geowissenschaften und die geowissenschaftlichen Fakult\u00e4ten der deutschen Hochschulen haben inzwischen verstanden: Ohne eine starke und lebendige Schulgeographie schw\u00e4chelt die deutsche Geographie insgesamt.<\/p>\n<p>Stark ist die Geographie dann, wenn sie in allen Jahrgangsstufen und in allen Schularten mit zwei Wochenstunden vertreten ist.<\/p>\n<p>Genau so, wie eine starke Schulgeographie die anderen Bereiche der Geographie positiv beeinflussen kann, wirken die Hochschul- und die angewandte Geographie wie die Geographiedidaktik an den wissenschaftlichen und p\u00e4dagogischen Hochschulen sowie den Lehrerausbildungsseminaren durch die Qualit\u00e4t ihrer Arbeit und durch ihre \u00d6ffentlichkeitsarbeit entscheidend auf die Schulgeographie zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Die deutschen Geographen ziehen alle an einem Strang. Alle m\u00fcssen in einer Gesellschaft, in der es gilt, selbstbewusst seinen Platz einzunehmen und zu behaupten, gleicherma\u00dfen durch die Qualit\u00e4t ihrer Arbeit wirken, dar\u00fcber berichten und durch Sachverstand beeindrucken.<\/p>\n<p>Der Zusammenhalt in der deutschen Geographie hat sich aus der Sicht der Schulgeographie nach der Bildung der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Geographie grundlegend verbessert. Ich freue mich dar\u00fcber, besonders deswegen, weil auch ich manchmal von Zweifeln geplagt war und zeitweise noch bin, ob der hohe finanzielle Part, den der Verband Deutscher Schulgeographen innerhalb der DGfG spielen muss, den ideellen Gewinn aufwiegt.<\/p>\n<p>Ich meine, dass das der Fall ist und der eingeschlagene Weg richtig ist.<\/p>\n<p>Der Pr\u00e4sident der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Geographie, Herr Professor Dr. Peter Meusburger, kann an diesem Kongress wegen einer nicht verschiebbaren Reise nach Japan nicht teilnehmen. Er bedauerte das mir gegen\u00fcber ausdr\u00fccklich, und das Bedauern ist ehrlich: Er hat uns schon bewiesen, dass er, wann immer es ihm m\u00f6glich ist, sogar in abgelegene Winkel Deutschlands eilt, um die Schulgeographie zu st\u00e4rken. Herr Meusburger w\u00fcnscht dem Kongress einen sch\u00f6nen und erfolgreichen Verlauf. Er hat mich gebeten, in meiner Eigenschaft als derzeitiger Schatzmeister der DGfG das Pr\u00e4sidium hier zu vertreten.<\/p>\n<p>Es ist nicht au\u00dfergew\u00f6hnlich, liegt aber durchaus im Rahmen des Besonderen, wenn der Deutsche Schulgeographentag im deutschsprachigen Ausland stattfindet. Wir waren Gast im schweizerischen Basel im Jahre 1982 und sechs Jahre sp\u00e4ter in \u00d6sterreichs Perle Salzburg, 1988. Die nunmehr 14 Jahre zur\u00fcckliegenden Erfahrungen der \u00f6sterreichischen Kolleginnen und Kollegen mit den G\u00e4sten aus Deutschland waren wohl nicht dergestalt, dass sie uns s\u00e4uerlich hinterher gewunken haben wie endlich los gewordenen Verwandten nach etwas zu langem Besuch.<\/p>\n<p>Ganz im Gegenteil, nach dem erfolgreichen Deutschen Schulgeographentag in Salzburg 1988 intensivierten sich die Kontakte zwischen den Schulgeographinnen und Schulgeographen aus beiden L\u00e4ndern, nicht zuletzt dank unseres unerm\u00fcdlich scheinenden \u00f6sterreichischen Kollegen Herrn Magister Franz Forster. Er hat den Kongressort Wien 2002 angeregt. Zusammen mit Herrn Professor Dr. Wohlschl\u00e4gl hat er dann mit dem Team im Ortsausschuss in enger Absprache mit dem gesch\u00e4ftsf\u00fchrenden Vorstand und dem Gesamtvorstand des VDSG den 28. Deutschen Schulgeographentag in Wien so weit gebracht, dass wir ihn heute in diesem festlichen und ruhmreichen Ambiente er\u00f6ffnen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Lieber Herr Forster, lieber Herr Wohlschl\u00e4gl, immer noch hat die Arbeit kein Ende, aber Licht wird am Ende des Tunnels sichtbar.<\/p>\n<p>Im Namen des Verbandes Deutscher Schulgeographen und auch ganz pers\u00f6nlich danke ich Ihnen und Ihrem Team f\u00fcr die vielen Stunden, die Sie bisher schon f\u00fcr das Gelingen dieses Kongresses aufgewendet haben. Ich w\u00fcnschte mir, dass sich bei Ihnen die eine Waagschale mit der Freude dar\u00fcber, dass mehr als 1000 Kolleginnen und Kollegen aus Deutschland, \u00d6sterreich und dem jeweils angrenzenden Ausland den Weg nach Wien gefunden haben, tiefer neigt, weil sie schwerer wiegt, als die andere mit dem ausgestandenen, aber sicherlich bei der Vorbereitung zu solch einem Kongress unvermeidlichen Kummer, den Sorgen, dem \u00c4rger, Frust und Stress, weswegen Sie heute morgen beim Blick in den Spiegel vielleicht einige graue Haare mehr hier und kleine Gesichtsfurchen zus\u00e4tzlich dort feststellen mussten.<\/p>\n<p>Ohne Bereitschaft, sich f\u00fcr unsere Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler, unsere Schule sowie f\u00fcr das Fach einzusetzen und ohne das dementsprechend konsequente Handeln ist der Lehrerberuf nicht wirklich denkbar. F\u00fcr diese Bereitschaft und dieses Handeln haben Sie in vorbildlicher, verantwortlicher Weise ein Beispiel gegeben. Daf\u00fcr danke ich Ihnen allen im Ortsausschuss und Ihnen, lieber Herr Forster, lieber Herr Wohlschl\u00e4gl.<\/p>\n<p>In den Dank schlie\u00df ich ausdr\u00fccklich die Familien ein, die teilhatten am Fortgang der Vorbereitungen und Verzicht \u00fcben mussten.<\/p>\n<p>Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich begr\u00fc\u00dfe Sie alle herzlich als Teilnehmerinnen und Teilnehmer des 28. Deutschen Schulgeographentages in Wien. Sie sind die gewichtigste Gruppe, die Anteil am Zustandekommen eines solchen Kongresses hat: Was w\u00e4re ein Schulgeographentag ohne Teilnehmer? Nichts.<\/p>\n<p>Ich freue mich, dass Sie selbst es sich erm\u00f6glicht haben oder dass es Ihnen erm\u00f6glicht wurde, diese bedeutendste Fortbildungsveranstaltung der deutschen Schulgeographie zu besuchen. Ich betone immer wieder, weil ich \u00fcberzeugt davon bin: Wer als Schulbeh\u00f6rde Sie hierher beurlaubt hat, bekommt eine informierte und neu motivierte Lehrkraft zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Die Beurlaubung zum Deutschen Schulgeographentag lohnt sich f\u00fcr Sie, die Teilnehmenden, und wirkt zur\u00fcck auf Ihre Schule und Ihre Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler. Zu kurz denkt der, der fortbildungswilligen Kolleginnen und Kollegen die Teilnahme hier versagt.<\/p>\n<p>Dieser Deutsche Schulgeographentag wird in enger Kooperation mit der Universit\u00e4t Wien und ihrem Institut f\u00fcr Geographie und Regionalforschung veranstaltet. Ich freue mich \u00fcber diese Kooperation und bedanke mich f\u00fcr alle Hilfe und Unterst\u00fctzung auch von dieser Seite herzlich.<\/p>\n<p>Mein Willkommensgru\u00df und unser Dank geht von hier aus auch an alle anderen Helfer, die die Veranstaltung erm\u00f6glichen, und vor allem an die eher im Hintergrund bleibenden Sponsoren und an die\u00a0 Verlage, die &#8211; so scheint es &#8211; erneut keine M\u00fchen gescheut haben, Sie, die Teilnehmenden, umfassend \u00fcber das Lehr- und Lernmittelangebot zu informieren. Herzlichen Dank daf\u00fcr.<\/p>\n<p>Sehr geehrte Damen und Herren Vertreter ihrer Schulbuchverlage, Ihre Lehrb\u00fccher, Atlanten und Unterrichtsmaterialien geben beredtes Zeugnis ab f\u00fcr die Attraktivit\u00e4t und Aktualit\u00e4t unseres Faches.<\/p>\n<p>Aber es hilft nichts, TIMSS und PISA und ein neuer Kultusminister hier oder ein Klippert dort s\u00e4gen an den bisherigen Lehrpl\u00e4nen, f\u00fchren zu Neuem, das Ihre Autorenteams unverdrossen in neue Texte und Ihre Redakteure in neue Schulb\u00fccher umsetzen. Hier wird Hand in Hand gearbeitet, herzlichen Dank an Sie, die Verlage, f\u00fcr Ihr Engagement im Fach Geographie.<\/p>\n<p>Manchmal\u00a0 &#8211; so w\u00e4re kritisch zu vermerken &#8211; wird dabei von politischer Seite agiert, ohne auf das Ende zu achten, ohne an die finanzielle Potenz der Abnehmer Ihrer Produkte zu denken, also die der Gemeinden, der Schulen, der Eltern. Wenn die Lehrpl\u00e4ne aller F\u00e4cher innen und au\u00dfen, inhaltlich und methodisch neu gefasst werden und per Computerunterschrift zu einem einzigen Termin in Kraft gesetzt werden &#8211; wer kann denn dann alle neuen B\u00fccher auf einmal anschaffen? Und wie steht es mit den erforderlichen\u00a0 Lehrb\u00fcchern f\u00fcr F\u00e4cher, die im Bewusstsein der Schul\u00f6ffentlichkeit nicht als Hauptf\u00e4cher gelten? Zu diesen F\u00e4chern geh\u00f6rt in Deutschland bekannterma\u00dfen noch immer die Geographie. Und wir m\u00fcssen uns dann erst einmal hinten anstellen, obwohl der Bedarf an aktuellen Unterrichtsmaterialien bei uns besonders gro\u00df\u00a0 ist.<\/p>\n<p>Unglaublich aber wahr: In diesen Tagen las ich \u00fcber eine Schule, in deren Geographieb\u00fcchern immer noch die DDR und die Berliner Mauer, Jugoslawien und die Sowjetunion herumspuken, weil zum Ersatz wieder kein Geld da gewesen ist, denn die B\u00fccher f\u00fcr die neu eingef\u00fchrte Kursstufe hatten Vorrang. Das sind dann die Meldungen, die \u00fcber die Geographie in den Zeitungen erscheinen. Bitte sorgen Sie alle daf\u00fcr, dass \u00fcber Ihre Schule in dieser Weise nicht berichtet wird.<\/p>\n<p>Einzuflechten w\u00e4re beim Stichwort \u201ePISA\u201c der neidvolle Gl\u00fcckwunsch f\u00fcr den guten Platz \u00d6sterreichs im L\u00e4ndervergleich weit vor Deutschland. Vielleicht h\u00e4tten unsere Sch\u00fcler ja Sie, liebe \u00d6sterreicher, im geographischen Denken weit abgeschlagen &#8211; das wurde indes einer Evaluation nicht unterzogen.<\/p>\n<p>Die Geographie in der Schule in \u00d6sterreich und Deutschland unterscheidet sich voneinander. W\u00e4hrend Sie in \u00d6sterreich insbesondere auf den Zusammenhang mit der Wirtschaftslehre setzen und damit in der Kultuspolitik Erfolg haben, setzen die deutschen Schulgeographen nach wie vor auf den Zusammenhalt zwischen Physischer Geographie und Anthropogeographie. Darin eingeschlossen sind volkswirtschaftliche Inhalte. Ihr Weg, liebe \u00f6sterreichischen Kollegen, sieht erfolgreicher aus.<\/p>\n<p>Manche sprechen davon &#8211; und da findet sich, in anderer Weise als gemeint, das Motto dieses Schulgeographentages wieder -, die Geographie sei nicht allein in der Schule Br\u00fcckenfach zwischen Natur- und Gesellschaftswissenschaften sowie Integrationsfach f\u00fcr die anderen Geo-, Natur- und Gesellschaftswissenschaften. Es bleibt zu bedenken, dass das Angebot, Br\u00fccke zu sein und Integration zu bieten, auch eine Nachfrage voraussetzt. Hier sind sich leider die deutschen Geowissenschaften nicht ganz darin einig, das Angebot anzunehmen, und die anderen F\u00e4cher bemerken mit immer gr\u00f6\u00dferem eigenen Erstaunen, dass ihre Inhalte mit dem Bezug auf den Menschen und auf den Raum selbst erheblich an Aktualit\u00e4t und Anschauung gewinnen.<\/p>\n<p>So werden beispielsweise klimatologische Inhalte zunehmend in der Physik behandelt, bodenkundliche und vegetationsgeographische in der Biologie, hydrologische in der Chemie. Das Fach Religion hat schon seit l\u00e4ngerer Zeit das Thema \u201eEntwicklungsl\u00e4nder\u201c als das Seine adaptiert. Die Geschichte bezieht unter dem Schlagwort \u201eBig History\u201c\u00a0 zunehmend wirtschaftshistorische Inhalte und den Raum ein &#8211; den manche Geographen wiederum abschaffen wollen &#8211; , die Gemeinschaftskunde behandelt Industriestandorte. In den Fremdsprachen wird die in der Geographie oft verp\u00f6nte Landeskunde der L\u00e4nder behandelt, in denen die jeweilige Sprache gesprochen wird. Im Sport l\u00e4uft man beim Orientierungslauf nach der Karte und mit dem Kompass, m\u00f6glicherweise schon mit dem GPS-Ger\u00e4t durch den Wald, im Fach Kunst werden Karten gezeichnet, die Musik erl\u00e4utert Land und Leute der L\u00e4nder, aus denen die Lieder stammen, die gerade gesungen werden. Der Geographie immanenter fach\u00fcbergreifender Unterricht und f\u00e4cherverbindendes Lernen sind ohnehin geforderte Prinzipien heutigen Unterrichts, und dabei war Unterricht ohne Blick \u00fcber den Tellerrand des eigenen Faches eigentlich nie guter Unterricht. Die Trennung zwischen den angestammten Inhalten der einzelnen F\u00e4cher wird heute zunehmend faktisch aufgehoben, und dem Integrationsfach Geographie drohen wesentliche Inhalte abhanden zu kommen.<\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnte man das unter dem Stichwort \u201epostmoderne Beliebigkeit\u201c oder \u201ekultusb\u00fcrokratische Zielorientierung ohne allzu gro\u00dfe praktische Bedeutung f\u00fcr den Schulalltag\u201c einordnen und abhaken, denn weiterhin erfolgt der Fach- und Lehrerwechsel meistens mit dem Klingelzeichen. W\u00e4re da nicht das Stichwort vom fachfremden Unterricht und die Redensart vom Schuster, der bei seinem Leisten bleiben soll. Insofern bleibt unsere Forderung in \u00dcbereinstimmung mit der Internationalen Charta der geographischen Erziehung der International Geographical Union bestehen, nach der der zweist\u00fcndige Geographieunterricht in allen Jahrgangsstufen und allen Schularten auf dem Wege des Jugendlichen in das unabdingbar ist, was einmal M\u00fcndigkeit hie\u00df, heute vielleicht eher Verantwortlichkeit und Selbstbestimmtheit des Erwachsenen hei\u00dfen mag.<\/p>\n<p>Gefragt werden m\u00fcsste allerdings einmal nach der objektiven Berechtigung f\u00fcr drei Unterrichtsstunden oder mehr\u00a0 f\u00fcr ein Fach hier und nur eine oder keine f\u00fcr ein anderes Fach dort, gefragt werden m\u00fcsste auch einmal nach der objektiven Berechtigung f\u00fcr die Einteilung der F\u00e4cher in Hauptf\u00e4cher und Nebenf\u00e4cher.<\/p>\n<p>Vielleicht kann unser aller Ziel, die geographische Bildung zu verbessern, tats\u00e4chlich nicht mehr nur am Schulfach festgezurrt werden.<\/p>\n<p>Es gibt eine Vielzahl von Bereichen in der Schule und in der \u00d6ffentlichkeit in unserem Umfeld, die durch die Mitwirkung der Geographie zur geographischen Bildung beitragen k\u00f6nnen, z. B.:<\/p>\n<ul>\n<li>Der Kollegenausflug k\u00f6nnte zeitweise zu einer geographischen Exkursion umgestaltet werden, in deren Verlauf den Kolleginnen und Kollegen nahe gebracht werden k\u00f6nnte, dass eine Empfehlung, die den Sch\u00fclern gegen\u00fcber als eine \u201enachhaltige\u201c bezeichnet wird, nicht unbedingt das ist, was man heute &#8211; zu Zeiten der Konferenz in Johannesburg &#8211; unter nachhaltig versteht.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>Das Schuljahr k\u00f6nnte unter das Motto eines Kontinents gestellt werden, und alle F\u00e4cher tragen das Ihre dazu bei, dass der Kontinent und seine mehr oder minder engen Beziehungen zur Schule oder zum Schulort dargestellt werden.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>Die Eltern k\u00f6nnten zu einer geographischen Stadtexkursion eingeladen werden: Die Mainzer Geographen geben mit ihrer \u201eGeographie f\u00fcr alle\u201c ein nachahmenswertes Beispiel, das \u00fcber die Schule hinausgreift.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>Aktuelle Ereignisse k\u00f6nnten durch das Fach Geographie aufgearbeitet werden. Viele Zeitungen bieten den Schulen Mitarbeit in der Sparte \u201eZeitung in der Schule\u201c an &#8211; und die von den Sch\u00fclern erstellten Berichte k\u00f6nnen sich lohnend mit geographischen Inhalten besch\u00e4ftigen.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>K\u00f6nnte eine Fachabteilung Geographie nicht einen internen Geographiewettbewerb ausrichten, der das Interesse der Sch\u00fcler auf geographische Fragen richtet? Warum denn muss ein geographischer Wettbewerb eigentlich immer von au\u00dfen, m\u00f6glicherweise in Begleitung von\u00a0 durchaus fachfremdem, kommerziellem Interesse in die Schulen kommen? Preise k\u00f6nnen sicherlich vom Elternverein, der Schule selbst oder der \u00f6rtlichen Wirtschaft gesponsort werden.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>Ich erinnere hier auch daran, dass die Preistr\u00e4ger im Bereich \u201eGeo- und Raumwissenschaften\u201c des Bundeswettbewerbs \u201eJugend forscht\u201c sch\u00f6ne, aber durchaus nicht extravagante geographische Arbeiten abgeliefert haben &#8211; \u00b4mal eine Kartierung der Innenstadt unter der Fragestellung, wie die Attraktivit\u00e4t erh\u00f6ht werden k\u00f6nnte, \u00b4mal die Analyse eines Einkaufszentrums. Und auch der Bundesumweltwettbewerb ist unter Geographielehrern noch weitaus zu wenig bekannt. Beide Wettbewerbe unterst\u00fctzt der Verband Deutscher Schulgeographen mit Sonderpreisen, schade, dass die aktuellen Preistr\u00e4ger die Einladung hierher nach Wien wegen der erforderlichen Wahrnehmung anderer Termine nicht annehmen konnten.<\/li>\n<\/ul>\n<p>\u201eBr\u00fccken bauen &#8211; Europa und die Erweiterung der EU\u201c: Hier bieten sich tats\u00e4chlich Aufgaben und M\u00f6glichkeiten f\u00fcr den Geographieunterricht. Wir wissen alle, dass wegen des geringen Geographieunterrichts S\u00fcdost &#8211; und Ostmitteleuropa im Unterricht weitaus zu kurz kommen. Dabei existiert gerade den L\u00e4ndern gegen\u00fcber, die der EU in n\u00e4chster Zeit beitreten wollen und sollen, ein erschreckend hohes Ma\u00df an geographischer Unwissenheit gepaart mit immer d\u00fcmmer werdenden Vorurteilen. Wir Geographielehrerinnen und Geographielehrer sollten Partei ergreifen f\u00fcr diese Staaten und Unwissenheit sowie Vorurteile zu beiseitigen helfen: Klassenfahrten, Sch\u00fcleraustausche, Exkursionen m\u00fcssen nicht immer nur nach Westen und S\u00fcden gehen, m\u00fcssen auch nicht immer nur sprachlichem oder musischem, sondern k\u00f6nnen auch gesellschaftswissenschaftlichem und geographischem Interesse dienen.<\/p>\n<p>Der Widerstand der Sch\u00fcler, eine Fahrt nach Osten zu unternehmen, erscheint zun\u00e4chst un\u00fcberwindbar &#8211; und je weiter westlich wir selbst unseren Schulort haben, desto st\u00e4rker sind die aus Vorurteilen abgeleiteten Einw\u00e4nde. Wir k\u00f6nnen mit unserem Fachwissen und unseren p\u00e4dagogischen M\u00f6glichkeiten und F\u00e4higkeiten hier im Sinne der europ\u00e4ischen Integration wirkungsvoll eingreifen.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass aus guten Gr\u00fcnden auch die Bildung eines gesellschaftswissenschaftlichen Profils f\u00fcr das Gymnasium auf dem Tisch liegt, in dem dann auch die Geowissenschaften als Schwerpunkt angemessen vertreten sind. Unglaublich ist, dass die Kultuspolitik in Baden-W\u00fcrttemberg beispielsweise ein solches Gymnasium wegen vermeintlich zu geringen Anforderungen als m\u00f6gliches Sammelbecken f\u00fcr die besonders schwachen Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler ansieht und es deswegen ablehnt.<\/p>\n<p>Schule ist der Ort, an dem Kinder und Jugendliche lernen, unterrichtet zu werden. Der G\u00f6ttinger P\u00e4dagoge Hermann Giesecke, der 1999 in Hamburg unser Gast war, sagte uns und ich m\u00f6chte Ihnen dies auch f\u00fcr den Geographieunterricht zu bedenken geben: \u201eOhne Unterricht kann es unter unseren gesellschaftlichen Bedingungen keine erfolgreiche und befriedigende Teilhabe an den gesellschaftlichen M\u00f6glichkeiten geben. (&#8230;) Die F\u00e4higkeit, sich unterrichten zu lassen, muss (&#8230;) heute von m\u00f6glichst allen gelernt werden (&#8230;), und diese F\u00e4higkeit ist durch nichts anderes zu ersetzen. (&#8230;)\u00a0 Das Nachdenken \u00fcber Schule muss (&#8230;) prim\u00e4r bei der Lehrbarkeit der Sachen beginnen und nicht bei der Lernbereitschaft der Lernenden, bei deren Motiven und Interessen z.B.; die k\u00f6nnen sich \u00e4ndern wie das Wetter. (&#8230;).\u201c<\/p>\n<p>Die Schleusen f\u00fcr sogenannte oder tats\u00e4chliche Innovationen f\u00fcr Schule und Unterricht sind zur Zeit weit ge\u00f6ffnet. Weizen ist dabei, aber auch Spreu. Es fehlt allerdings der Nachweis, dass das Andere, das oft aufwendige Neue oder das Alte in neuen Schl\u00e4uchen zu besserem Erfolg des Unterrichts f\u00fchren, der sich in Wissen und Handeln der Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler manifestiert. Es gilt, mit unserem \u2013 mit Ihrem &#8211; Fachverstand, mit mutigem Vertrauen in unsere F\u00e4higkeiten und unsere Erfahrung Scharlatanerie, Schickimicki und tats\u00e4chlich Hilfreiches und F\u00f6rderliches zu unterscheiden und entsprechend zu verlesen.<\/p>\n<p>Im Jahre 1999 beging der Verband Deutscher Schulgeographen mit G\u00e4sten von der Hochschulgeographie, der Fachdidaktik und der P\u00e4dagogik den 50. Jahrestag der Neugr\u00fcndung des Verbandes nach dem Zweiten Weltkrieg, damals 1949 in Jugenheim an der Bergstra\u00dfe. Vor drei Jahren kam ich vor der festlich versammelten Geographengemeinschaft auf den Gedanken, man k\u00f6nne sich ja zum Geburtstag auch etwas w\u00fcnschen: Ich w\u00fcnschte mir unter anderem von der Fachdidaktik, nach dem Beispiel der <i>National Geography Standards<\/i>\u00a0 in den USA Bildungsstandards f\u00fcr die deutsche Geographie zu erarbeiten. Eine von den Zielen des Geographieunterrichts \u00fcberzeugte Fachdidaktik k\u00f6nnte das leisten, Geographielehrerinnen und Geographielehrer mit vollem Deputat nebenher am Nachmittag wohl kaum. Von Seiten unserer Fachdidaktik ist mein Geburtstagswunsch nicht erh\u00f6rt worden. Heute, drei Jahre sp\u00e4ter, werden in den Kultusministerien die Arbeiten zur Formulierung von Bildungsstandards angetrieben. Kolleginnen und Kollegen, die daran beteiligt sind, k\u00f6nnen davon ihr Liedchen singen.<\/p>\n<p>Die wirklichen Neuerungen, die auf uns Lehrerinnen und Lehrer zukommen, sind von vielem vordergr\u00fcndigen Aktionismus noch ziemlich verdeckt: Die Neurologen konfrontieren uns mit spannenden Erkenntnissen \u00fcber die Abl\u00e4ufe des Lernens, die Unterricht, auch den in Geographie, m\u00f6glicherweise tats\u00e4chlich ver\u00e4ndern werden. Die Geographiedidaktik muss uns durch die Adaption der evolution\u00e4ren P\u00e4dagogik baldm\u00f6glichst auf die richtigen Geleise stellen.<\/p>\n<p>In der Wochenzeitung\u00a0 DIE ZEIT fand ich den erstaunlichen Hinweis, Geographie treibe viele Sch\u00fcler \u00fcberall auf der Welt zum Schw\u00e4nzen. Wenn das so gewesen oder immer noch sein mag, dann ist es unsere Schuld, denn Geographie kann heute und gerade im \u201eJahr der Geowissenschaften\u201c und zu Zeiten der \u201eGlobalisierung\u201c eigentlich nur spannend sein. Aber Geographieunterricht hat viel mit Aktualit\u00e4t und politischem Geschehen zu tun. Und die neueste Shell-Studie bescheinigt den Jugendlichen von heute nur wenig Interesse am aktuellen Zeitgeschehen, obwohl sie sich engagiert in von ihnen selbst ausgesuchten Bereichen f\u00fcr die Gemeinschaft einsetzen, also durchaus politisch handeln. Manchmal aber kommt es mir vor, dass die Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler dem Geschehen der Steinzeit mehr Bedeutung f\u00fcr heute zumessen als dem, was um sie herum jetzt geschieht. Indem wir das Interesse f\u00fcr das Jetzt wieder verst\u00e4rkt wecken, k\u00f6nnen wir ansetzen, geographische Bildung zu verbessern.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck gibt es inzwischen vereinzelt, aber immerhin\u00a0 sogar auch von au\u00dferhalb des Verbandes \u00f6ffentlich Warnungen davor, das Fach Geographie und geographische Bildung zu vernachl\u00e4ssigen. In der letzten Ausgabe des Jahres 2001 der renommierten Zeitschrift \u201eWirtschaftswoche\u201c schrieb Christian Deysson einen Artikel \u00fcber die \u201eRenaissance der Geographie im Zeichen der Globalisierung von Wirtschaft, Kultur und Terror\u201c. Mit seinen mahnenden Worten m\u00f6chte ich schlie\u00dfen, nicht ohne Ihnen allen vorher noch einmal eine erfolgreiche Tagung, einen sch\u00f6nen Aufenthalt in der gastgebenden Stadt Wien und zahlreiche anregende und informative Gespr\u00e4che unter Kolleginnen und Kollegen gew\u00fcnscht zu haben. Deysson schrieb am Schluss seines Beitrages: \u201eDas Ende der Geographie? Nichts k\u00f6nnte falscher sein! Die Akzente m\u00f6gen sich verschoben haben, aber Geographieverst\u00e4ndnis ist heute wichtiger und geographischer Analphabetismus gef\u00e4hrlicher als je zuvor. (&#8230;) Eine Gesellschaft, die keine Ahnung vom Raum hat, in dem sie sich bewegt, tappt im globalen Dorf fast noch d\u00fcmmer herum als eine, die nicht richtig schreiben und lesen kann.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Begr\u00fc\u00dfung und Er\u00f6ffnung durch Dr. Eberhard Schallhorn, 1. Vorsitzender VDSG \u00a0 Verehrte Ehreng\u00e4ste, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen. 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