{"id":659,"date":"2025-03-05T15:45:01","date_gmt":"2025-03-05T13:45:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schallhorn.com\/?p=659"},"modified":"2025-03-05T15:45:59","modified_gmt":"2025-03-05T13:45:59","slug":"von-der-annaeherung-zur-gemeinsamkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schallhorn.com\/?p=659","title":{"rendered":"Von der Ann\u00e4herung zur Gemeinsamkeit."},"content":{"rendered":"\n<p>Gedanken von Eberhard Schallhorn  zum 15. Jahrestag der Gr\u00fcndung des Landesverbandes Sachsen im Verband Deutscher Schulgeographen im Jahre 2015<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Es ging alles ziemlich schnell, damals, 1989, als Unerh\u00f6rtes selbstverst\u00e4ndlich wurde. Die Phrasen der \u2013 nicht nur \u2013 Sonntagsreden erhielten einen ganz neuen Wahrheitsgehalt, der gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig war: \u201eUnsere Schwestern und Br\u00fcder&nbsp; in der DDR\u201c \u2013 oder wie immer man, je nach Stellung im politischen Spektrum, den anderen Teil Deutschlands im Westen nannte. Oder \u201eBerlin muss und wird wieder Hauptstadt eines vereinigten Deutschlands werden.\u201c Alle wurden von der pl\u00f6tzlichen, zun\u00e4chst kaum zu glaubenden, neuen Konstellation der weltpolitischen Koordinaten \u00fcberrascht. Vom \u00e4u\u00dfersten deutschen S\u00fcdwesten aus klang schon immer alles etwas dumpf, was den fernen Osten betraf, der f\u00fcr viele seinen Anfang bereits im Hohenlohischen nahm. Die mentale Karte verzeichnete \u00d6hringen und Crailsheim, dann kam noch irgendwo N\u00fcrnberg \u2013 im Anschluss daran war der Bundesgrenzschutz zust\u00e4ndig, und nach Berlin zur Mauerschau ging es ohnehin \u00fcber Stuttgart, per Luft. Einige unentwegte Lehrer bem\u00fchten sich, auf dem Landweg Berlin zu erreichen, sogar Station zu machen an der Stacheldrahtgrenze \u2013 M\u00f6dlareuth, das damals geteilte Dorf, Hirschberg, wo es den Sch\u00fclern den R\u00fccken herunterkribbelte, wenn sie die scharfen Sch\u00e4ferhunde \u201edr\u00fcben\u201c an den Laufleinen sahen. Und pl\u00f6tzlich war alles anders.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem R\u00fcckweg vom 21. Deutschen Schulgeographentag Kiel um Pfingsten 1990 wich ich von der Autobahn ab, folgte einer frisch asphaltierten Stra\u00dfe nach Osten, wo bisher keine gewesen war. Die Grenze: Ein neues&nbsp; Holzh\u00e4uschen, kein Schlagbaum. Ich folgte den Stra\u00dfenschildern und der topographischen Karte aus dem Westen, in der auch Unbekanntes \u00f6stlich der Grenze kartographisch erfasst war. Rechts, links, rechts. Erst als die Stra\u00dfe zum Weg geworden war und schlie\u00dflich im Wald endete, erinnerte ich mich an Ger\u00fcchte, im \u00f6stlichen Zonengrenzbereich seien die Richtungsangaben falsch \u2013 um den \u201eFeind\u201c in die Irre zu f\u00fchren. Freundliche Eichsfelder wiesen mir den Weg zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>In Kiel waren zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder Schulgeographen aus der DDR unter den Teilnehmern, herzlich willkommen waren sie. Man verstand sich, man f\u00fchlte sich verbunden, die \u201evon dr\u00fcben\u201c erschienen gleichwohl irgendwie noch aus einer anderen Welt. Dann die gemeinsame Tagung in Bad Helmstedt im Herbst 1990. Unvergessen der Spaziergang mit Frank Czapek auf dem Patrouille-Betonweg der DDR-Grenzsoldaten auf der Ostseite der Grenze. Pl\u00f6tzlich der Wachturm vor uns, den wir immer von der Autobahn aus gesehen hatten, oben in der Wachstube waren immer die Grenzsoldaten, immer mit Ferngl\u00e4sern vor den Augen. Wir treppelten hoch. Und dann \u2013 unvergesslich &#8211; erlebten wir beide die deutsche Einheit, indem wir von oben, von der ehemaligen, jetzt w\u00fctend zerst\u00f6rten Wachstube der DDR-Grenzer, durch die zerborstenen Fensterscheiben auf die weitr\u00e4umigen DDR-Anlagen des ehemaligen Grenz\u00fcbergangs Marienborn hinuntersahen, auf die breite, w\u00fcste Schneise des bisherigen Grenzverlaufs, auf den Autobahnverkehr, wie die Autos ohne Unterlass, ohne Z\u00f6gern die wei\u00dfe Grenzlinie \u00fcberfuhren und an dem Betonpfeiler ohne DDR-Staatswappen vorbei in die Spuren nicht mehr hineinfuhren, denen bis zu den Abfertigungsstellen zu folgen bis vor kurzem unausweichlich war.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Helmstedter Tagung vermittelte N\u00e4he, Verst\u00e4ndnis und Bereitschaft zum Dialog zwischen den Schulgeographen\/innen aus den bisherigen beiden Teilen Deutschlands. Kaum einer fuhr nach dem Fr\u00fchst\u00fcck am zweiten Tagungstag frustriert ins \u00f6stliche Zuhause, einzelne doch. Die westlichen Landesverb\u00e4nde \u00fcbernahmen Patenschaften f\u00fcr \u00f6stliche, der LV Baden-W\u00fcrttemberg f\u00fcr den LV Sachsen. In Gespr\u00e4chen mit den Kolleginnen\/en \u201evon dr\u00fcben\u201c erlebten wir pers\u00f6nliche Schicksale, die bedr\u00fcckten, aber auch &#8211; manchmal schwejkhafte &#8211; Einzelheiten aus Lebensverh\u00e4ltnissen, in denen man sich mit einem ungeliebten Staat arrangieren musste. Nicht alle sahen die Zukunft nur rosig.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon ein Jahr sp\u00e4ter ist im Protokoll der Sitzung des Gesamtvorstands am 22. September 1991 in Basel vermerkt: \u201eDer 1. Vorsitzende des Verbandes Deutscher Schulgeographen <em>[Dr. D. Richter]<\/em> hebt einleitend hervor, dass nunmehr auch die neuen Landesverb\u00e4nde ordnungsgem\u00e4\u00df ihre Vorst\u00e4nde gew\u00e4hlt haben.&nbsp; (&#8230;) <em>[Schatzmeister]<\/em> Diehl beziffert die Zahl der Mitglieder in den bisherigen L\u00e4ndern auf \u00fcber 4000. Mit den Mitgliedern in den neuen L\u00e4ndern bewegt sich die Gesamtzahl deutlich gegen 5000.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Im Oktober 1991 besuchte der Landesvorstand Baden-W\u00fcrttemberg den Landesvorstand Sachsen um Herrn Dr. Frey in Dresden. Leider musste ich selbst &#8211; damals 1. Vorsitzender des Landesverbandes Baden-W\u00fcrttemberg &#8211; im letzten Augenblick die Teilnahme absagen. Aber alle Mitreisenden zeigten sich erf\u00fcllt vom Erfolg der Reise, beide Seiten hatten voneinander gelernt. Ein Wiedersehen in Sachsen gab es beim 24. Deutschen Schulgeographentag, der 1994 schon in Dresden stattfand \u2013 die Frauenkirche war noch ein Schuttberg, die alten Steine wurden aber schon nummeriert. Vorher, beim 23. Deutschen Schulgeographentag 1992 in Karlsruhe, war das Neue noch sp\u00fcrbarer. Die Vielfalt des Programms irritierte angesichts langer Erfahrungen mit zentral gesteuerten Fachtagungen den einen oder die andere aus den \u00f6stlichen&nbsp; Landesverb\u00e4nden. In den Folgejahren zog der Tross der Geographinnen und \u2013en aus Schule und Hochschule schon beinahe routinem\u00e4\u00dfig zu ihrem traditionellen Fachkongress in die nun nicht mehr so neuen Bundesl\u00e4ndern: 50. Deutscher Geographentag in Potsdam 1995, 25. Deutscher Schulgeographentag in Greifswald 1996,&nbsp; 53. Deutscher Geographentag in Leipzig 2001, 29. Deutscher Schulgeographentag in Berlin 2004.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist der Alltag mit seinen H\u00f6hen und Tiefen in ganz Deutschland eingekehrt, auch in den Landesverb\u00e4nden des Verbandes Deutscher Schulgeographen. F\u00fcr unsere Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler ist die Einigung Deutschlands ein historisches Ereignis, die meisten haben keinen pers\u00f6nlichen Bezug dazu. Die j\u00e4hrliche Erinnerung daran um den 3. Oktober findet m\u00e4\u00dfiges Interesse, die durch Film oder Bild visualisierten ungeschminkten Emotionen werden eher als Fiktion denn als Realit\u00e4t angesehen. Die ganz normalen Schwierigkeiten der Verbandsarbeit haben inzwischen auch bei der Arbeit der \u201eneuen\u201c Landesverb\u00e4nde Einzug gehalten. Unser Fach hat sich in allen Landesverb\u00e4nden mit sehr \u00e4hnlichen Problemen auseinander zu setzen. Die Lehrerschaft in den \u00f6stlichen Bundesl\u00e4ndern sieht sich allerdings gegen\u00fcber der in den westlichen in vielerlei Hinsicht benachteiligt. Zurecht. Im Verband Deutscher Schulgeographen gibt es aber \u2013 gl\u00fccklicherweise \u2013 keine \u00f6stlichen oder westlichen Landesverb\u00e4nde. Mancher der \u201e\u00f6stlichen\u201c Landesverb\u00e4nde, und dazu z\u00e4hle ich auch den s\u00e4chsischen \u2013 gibt anderen ein nachahmenswertes Beispiel f\u00fcr erfolgreiche Lobby- und Verbandst\u00e4tigkeit. Zu dieser verbandsinternen Einigung haben alle auf ihre Weise beigetragen. Heute sagt man dann: \u201eUnd das ist gut so.\u201c Herzlichen Dank an den Landesverband Sachsen, herzlichen Dank an alle, die zu dieser Einigung in den vergangenen 15 Jahren, jede\/r auf seine Weise, beigetragen haben.&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gedanken von Eberhard Schallhorn zum 15. 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