Ein Lehrerleben…

schuler

Miszellen

 

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In den Pausen der Theatergruppen-Vorstellungen gab es eine Saftbar. Alkoholisches wurde nicht ausgeschenkt. Die Folge: Der Betrag, der für die Arbeit der Theatergruppe übrig bleiben sollte, war immer gering.

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Im Unterricht wies ich jedes Jahr auf Ereignisse hin, die die deutsche Nachkriegsgeschichte prägten:  Im November zeigte ich einzelnen Klassen, in einigen Jahren mit Zustimmung der Schulleitung auch ganzen Jahrgängen eine filmische Dokumentation zum Fall der Berliner Mauer („Ode an die Freiheit“). Ich erinnere mich an eine 5. Klasse: Ich war mir nicht sicher, wie sie das Dargestellte aufnehmen würde. Nach einer – natürlich: altersgemäßen – Einführung in die geschichtlichen Umstände startete der Film – und ich habe selten eine Klasse erlebt, die mit gleicher Aufmerksamkeit und derart gespanntem Interesse diesen Film verfolgte. Das Klingelzeichen hörte niemand, und die Fortsetzung in der nächsten Stunde wurde erbettelt. Gerne doch!

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Rauchen und Alkohol waren auf Klassenreisen mit mir verpönt. Eine Klasse hatte einmal sogar eine Vereinbarung schriftlich formuliert, während der Klassenfahrt nicht zu rauchen. Die kam allerdings ins Wanken, als die mitreisende Kollegin abends vor der Jugendherberge auf ihre Zigarette nicht verzichten konnte. Was das Alkoholverbot betrifft, so hatte ich angesichts der lokalen Gewohnheiten immer einen schweren Stand…

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Zu den Themen Rauchen, Alkohol und andere Drogen  organisierte ich mit der Drogenberatung und der örtlichen Polizei  in Mittelstufenklassen einen „pädagogischen Tag“. Nicht ganz beabsichtigt war dabei allerdings, dass die Schüler anschließend genauestens über die verschiedenen Rauschmittel informiert waren. Ich erfuhr zusätzlich, dass sich Kaufmöglichkeiten sehr schnell herumsprachen… Eine gut gemeinte Aktion des Lehrers, die irgendwie nach hinten losging.

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Im Deutschunterricht war die Lektüre von Werken Bertolt Brechts ein für die Schüler zunächst nicht immer begeisterungsfördernder Pflichtbestandteil, oft verbunden mit einem Theaterbesuch.

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In den 1970/80er Jahren habe ich Schülertheaterveranstaltungen organisiert. Als immer mehr Schüler die Aufführungen vormittags lieber schwänzten oder über den Knopf im Ohr ihre Lieblingsmusik während der Vorstellung hörten, gab ich diese Aktivität auf.

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Besonderen Zuspruch erhielten während vieler Jahre die kurz aufeinander folgenden Besuche von zwei Inszenierungen desgleichen Schauspiels. Deutlich erinnere ich mich an die lebhaften Diskussion mit den Schülerinnen und Schülern nach dem Besuch der diametral entgegengesetzten Inszenierungen  von Goethes „Iphigenie auf Tauris“ in den Schauspielhäusern von Baden-Baden und Stuttgart.

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Große Bedeutung hatten immer schüler- und handlungsorientierte Unterrichtseinheiten, die ich gerne in Form von Arbeitsgemeinschaften oder Exkursionen und als Geländegänge durchführte. Eindrucksvoll waren die Untersuchungen der sommerlichen Temperaturverhältnisse in Bretten (mit Infrarot-Scanner Befliegung des Stadtgebietes durch Düsenjäger der Bundeswehr-Luftwaffe), die Kartierungen zur Agrarstruktur in Diedelsheim, die Nutzungs- und Attraktivitätskartierungen der Brettener Innenstadt, die Messungen zur Luftqualität im Umfeld unserer Schule oder auch das Projekt mit den Teilnehmern am deutsch-polnischen Schüleraustausch in Danzig „Auf den Spuren von Günther Grass“.

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Nicht immer ging alles glatt: Bei dem Versuch, ein Bodenprofil zu erarbeiten, musste das untere, einen Meter lange Teilstück des Erdbohrers im Boden bleiben – wir schafften es nicht mehr, ihn hinauszuziehen. Wir hätten einen Krater graben müssen. Der Bohrer steckt noch heute tief unten im Boden – nur wenige wissen, wo. Oder: Während einer Übung zum Vermessen mit dem Theodoliten bekamen wir die weit entfernte Jugendherberge ins Okular – und sahen einen Mann, der aufmerksam in mein Zimmer im Erdgeschoss schaute. Kommentar eines Schülers: „Der sucht in Schallhorns Zimmer nach Pornos!“ …..

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Während einer Wanderung mit einer 6. Klasse auf die Teufelsmühle erklärten die Schüler, in den nächsten Sekunden unweigerlich vor Erschöpfung sterben zu müssen und keinen Schritt mehr tun  zu können. Als dennoch alle oben waren, packte schon einer einen Fußball aus, und alle tobten weitab von einem Erschöpfungstod dem Ball hinterher, lebendig wie selten. Wenn wir uns später sahen, hieß es immer sehr schnell: Weißt du noch, damals auf der Teufelsmühle…

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Eine andere Wanderung: An einer Weggabelung wurde die topographische Karte studiert. Ich hielt den einen Weg für richtig, die Schüler den anderen. Da der Nachmittag schon dem Ende zuging, erklärte ich den Schülern schließlich, dass ich doch eigentlich Kartenlesen könne, ich sei doch Geograph, und jetzt sollten sie mir doch bitte ohne Widerrede folgen. Als nach einer Wegstunde das Ziel weiter denn je schien und die Abenddämmerung zu erahnen war, musste ich meine Fehlinterpretation der Wegstrecke eingestehen. Ich wies die Schüler an, an Ort und Stelle stehen zu bleiben und zu verharren, bis ich wieder erscheinen würde. Dann lief ich schnellen Schrittes querfeld- und -waldein davon, erreichte auch bald einen Ort mit Telefon (Handys gab es damals noch nicht), organisierte einen Bus und brachte – etwas kleinlaut – alle rechtzeitig zum Abendessen in die Jugendherberge..

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Klassenfahrt nach Lutherstadt Wittenberg. Das Reichstagsgebäude in Berlin war von Christo verpackt. Schließlich hielten wir es nicht mehr aus, wir beschlossen kurzfristig und spontan den Ausflug ins nicht weit entfernte Berlin. Wunderschön, unvergesslich. Wir hatten von der Reiseauskunft die Abfahrzeiten des letzten Zuges zurück nach Lu.-Wittenberg erfahren, den wir dann auch nehmen wollten. Aber die passende S-Bahn-Fahrt endete jäh: Infolge von Gleisbauarbeiten ersetzte ein Busverkehr einen Teil der S-Bahn-Fahrt – der letzte Zug nach Wittenberg war nicht mehr zu erreichen. Schließlich standen wir nachts auf dem Bahnhof in Jüterbog, unserem vermeintlichen Nachtquartier. Da entdeckte jemand eine „Spielhölle“ in Bahnhofsnähe, entsprechend der Nachtzeit weitgehend ohne Gäste. Ich bat den Besitzer um „Obdach“ bis zum ersten Zug am nächsten Morgen. Die Rücksprache mit der Polizei ergab: Sperrstunde aufgehoben, wir konnten bleiben. Die einen spielten Billard, die anderen schliefen auf zusammen gestellten Stühlen – eine unvergessliche Erinnerung wurde es allemal. Am nächsten Morgen trafen wir todmüde in der Jugendherberge in Wittenberg ein. Ein Vater hatte uns für diesen Tag als Besonderheit einen Ausflug in die Umgebung geschenkt. Der Bus kam pünktlich, der Busfahrer hatte auf Geheiß des spendenden Vaters Proviant für eine ganze Klasse und einen ganzen Tag an Bord – aber  es erschienen nur vielleicht zehn Schüler, die anderen waren im Schlaf versunken…

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Fahrt der Theatergruppe nach Warschau. Wir mussten alles von Bretten aus organisieren, auch das Bühnenbild. An eine Fahrt mit der Deutschen Bahn war angesichts des Gepäcks nicht zu denken. Also mieteten wir mithilfe der Warschauer Freunde einen Bus, der uns aus Warschau in Bretten abholte. Da wir auch die Kulissen mitnehmen mussten, fertigten wir sie so, dass sie groß genug für die Bühne, aber klein genug für den Transport waren. Wir waren stolz darauf, alles fristgerecht fertig gestellt zu haben. Die neuen Kulissen waren wirklich schön geworden, glatt, gerade, haltbar, standfest. Der Bus kam, die hilfsbereiten polnischen Busfahrer montierten die vordersten Sitze aus, um die Kulissenteile in den Bus schieben zu können. Die Aufführung war eindrucksvoll, der Aufenthalt in Warschau für alle erlebnisreich. Auf der Rückfahrt, in Höhe von Dresden, auf der Autobahn: Der Bus rollt antriebslos auf dem Randstreifen aus, der Motor hatte sich zerlegt. Unter dem Bus eine große Öllache. Ein Abschleppwagen zog den Bus zum nächsten Parkplatz, wo wir ihn komplett ausladen mussten. Es war Sonntag – woher jetzt einen Ersatzbus bekommen? Glücklicherweise hatte der Fahrer eines hinter uns fahrenden Busses angeboten, seinen Chef zu bitten, uns einen Ersatzbus zu schicken. Wir nahmen dankbar an. Nach drei Stunden kam der Bus, es war inzwischen dunkel geworden. Als wir einladen wollten, weigerten sich die Fahrer, die Kulissen in den Bus zu laden, das sei verboten. In die Laderäume passten sie nicht hinein. So blieb nur eines: Man sah im fahlen Licht der Laternen eine Anzahl junger Leute Stoff zerreißen und Latten zerbrechen: Die großen Kulissenteile mussten auf die passende Größe gebracht werden, damit sie in die Papierkörbe passten. Uns blutete das Herz.

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Eine Zeitlang in den 1980er Jahren hatte ich mit Schülern einer Arbeitsgemeinschaft Briefkontakt zu einer Kameruner Schule. Während dieser Zeit räumten wir den Dachboden im Altbau aus. Es kamen zehn große, schöne Nähmaschinen aus der Zeit des Handarbeitsunterrichts zum Vorschein, die weggeworfen werden sollten. Ich hatte eine andere Idee: Ich ließ sie instandsetzen oder reparierte, was ich selbst konnte. Dann ging ich mit den Schülern, die an dem Briefkontakt teilnahmen, auf Sponsorensuche in Bretten: Wir wollten die Nähmaschinen nach Kamerun  expedieren. Leider hatten wir keinen Erfolg. Als Bundeskanzler Kohl in dieser Zeit einen Staatsbesuch in Kamerun beabsichtigte, rief ich im Kanzleramt an, ob er die Nähmaschinen für unsere Briefpartnerschule nicht mitnehmen wolle und könne. Ja, man werde sich melden. Dann geschah lange nichts. Eines Tages aber bekam ich die schriftliche Mitteilung, dass in wenigen Tagen eine Spedition die Nähmaschinen abholen und nach Kamerun verschicken würde – das Kanzleramt übernähme die Kosten. Auch wenn es sich wie ein Traum  anhörte, die Spedition kam, und die Brettener Nähmaschinen erreichten die Schule in Kamerun.

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Aufsicht beim Schülerball. Gegen Mitternacht fliegt eine Weinflasche von irgendwoher heran, zerbricht, die Scherben zerstreuen sich auf dem Boden: Ich bitte umstehende Schüler, dabei mitzuhelfen, die Scherben schnell aufzusammeln, bevor sich jemand daran verletzen könnte.  Reaktion: „Warum wir? Wir haben die Flasche nicht geworfen!“ ich sammele allein die Scherben auf. Zu spät, ein Schüler tritt in eine Scherbe, blutet am Fuß… Krankenhaus …Frust….

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Besuch im Wiener UNO-Gebäude. Die Schüler sind informiert, natürlich keine Waffen, überhaupt nichts Scharfes, wir werden gründlich untersucht. Beim Personencheck wird ein Schüler aufgehalten: Man findet ein großes Klappmesser in seiner Tasche….

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Schülerarbeiten aus meinem Unterricht oder aus den von mir geleiteten Arbeitsgemeinschaften haben wir schon in den 1970/80er Jahren zu Ausstellungen aufgearbeitet und im Foyer präsentiert, z. B. „Wirtschaft in der Region Bretten“, „Bodenuntersuchungen in Diedelsheim“, „Die Kaufkraft in der Brettener Kernstadt“, „Wettermessungen und Klima am Melanchthongymnasium Bretten“ oder „Longjumeau- Brettens neue Partnerstadt“. Urteil eines Kollegen im besten Lehreralter über meine damals noch  ungewöhnliche, öffentlichkeitswirksame Aktivität (regelmäßig auch mit einem Bericht in den Brettener Nachrichten): „Der hat doch eine Profilneurose!“

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„Zeitung in der Schule“: Wir haben den Auftrag, eine Seite der „Frankfurter Rundschau“ zum Thema „Hochbegabte“ zu füllen. Bei der Planung wird angeregt, auch die Spitzensportlerin Heike Drechsler zu interviewen, die in Karlsruhe lebt. Eine Schülergruppe übernimmt den Auftrag dazu. Ich sage Unterstützung zu, rufe bei Drechslers an, werde an die Managerin verwiesen: Frau Drechsler habe keine Zeit, vielleicht in einem halben Jahr, ich solle mich wieder melden. Ich versuche es über den Sportverein. Sie haben keine Möglichkeit, auf Frau Drechsler Einfluss zu nehmen, das mache die Managerin. Andere zunächst vielversprechende Ansprechpartner antworten ähnlich. Im Unterricht berichte ich. In der nächsten Projektstunde berichtet die Arbeitsgruppe Drechsler, das Gespräch sei vereinbart worden und man treffe sich morgen in einem Karlsruher Café. Ich bin sprachlos. „Wie habt ihr das geschafft??“ Die Antwort ist einleuchtend: Etwas neben der Wahrheit hatte sich der Schüler der Managerin gegenüber als Journalist ausgegeben, der einen Bericht über Heike Drechsler zu schreiben beabsichtige – und dann ging alles wie geschmiert…

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Schüleraustausch in Warschau. Ein Schüler erkrankt an Lungenentzündung. Der Arzt weist auf die Alternativen: Entweder ins Krankenhaus in Warschau oder sofort nach Hause, er könne den Patienten medikamentös für die Reise fit machen. Die Eltern sind mit dem Rückflug mit der nächsten Maschine einverstanden. Aber es ist Sonntag, kein Reisebüro geöffnet. Ich rufe bei Lufthansa in Warschau an, niemand meldet sich. Ich finde die Nummer von Lufthansa im Flughafen Warschau, schildere meinen dringenden Wunsch nach einem Ticket für den folgenden Tag, erfahre: Unmöglich, ausgebucht, und außerdem ein Kranker??!! Die vier für den Austausch verantwortlichen Kollegen sind erst einmal ratlos. Da habe ich eine Idee. Ich lasse mich von der Warschauer Kollegin in das Hotel Bristol fahren, das beste Hotel in Warschau, gleich neben dem Präsidentenpalast. Ich gehe zur Rezeption. „Sprechen Sie Deutsch?“ Natürlich, das Hotel hat ja fünf Sterne und noch ein bisschen mehr. Ich schildere meinen Fall. Der Mann an der Rezeption macht nicht viele Worte, greift zum Telefon, ich sehe ihn eine Nummer wählen, sicherlich nicht die der Lufthansa, die kenne ich inzwischen. Er spricht polnisch. Dann: „Selbstverständlich. Es ist alles vorbereitet. Gehen Sie morgen zum Lufthansa-Büro im Flughafen. Dort liegt das Ticket bereit. Ich wünsche Ihnen alles Gute, es war mir eine Freude, gute Nacht.“ Am nächsten Tag fliegt der Schüler mit der ersten Maschine nach Stuttgart, wo ihn sein Vater abholt.

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Im Rückspiegel:
Das Abitur – eine heute überholte Veranstaltung? Mehr…

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hantom Information zum lokalklimatischen Zustand PILZ:
Klaus L. war Stabs-Offizier bei der Bundeswehr, zuständig für Kommunikation. Er wusste immer einen Ausweg. Eines Tages berichtete er mir: „Du, neulich konnte ich einem ‚höheren Tier‘ einen großen Dienst erweisen. Jetzt hat er mich gefragt, ob er sich nicht revanchieren könne. Wenn ich einen Wunsch hätte … hast du nicht einen?“ Ich überlegte kurz. Klimatologie war eines meiner  Lieblingsthemen. Ich antwortete: „Ja, ich habe eine Idee. Aber das geht wahrscheinlich doch nicht. Ich möchte eine Thermalscanner-Befliegung von Bretten. Dann könnten wir tolle Aussagen über das Stadtklima von Bretten machen.“ Und ich erzählte ihm, was dahinter steckte, vor allem viel Technik, und im Mittelpunkt Phantom-Aufklärungs-Düsenjäger der Bundeswehr. Es war eine längere Geschichte. Er staunte. Doch, das sei eine gute Idee, mal sehen… Einige Tage später telefonierte er: „Du, ich habe das O.K. Plane alles und sag dann Bescheid.“ Ich war platt. Meine 9. Klasse war schnell zu begeistern. Wir mussten während 24 Stunden an verschiedenen Orten im Stadtgebiet Messstellen zur Kontrolle einrichten und dort dann kontinuierlich die Temperaturen und die Luftfeuchtigkeit feststellen. Woher die Instrumente nehmen? Ich wandte mich an das Institut für Meteorologie der Universität Karlsruhe. Sie staunten. Die ganze Klasse wurde zu einem Besuch eingeladen, damit die Schüler/innen in den Gebrauch der Geräte eingewiesen werden konnten. Man sagte zu, die erforderlichen Geräte auszuleihen und sogar einen Messwagen zu schicken, der während der Messdauer in kurzen Abständen Temperaturmessfahrten im Stadtgebiet durchführen sollte. Alles lief bestens. Im Geographieunterricht planten wir die Standorte der Messstationen. Wir besuchten das Geschwader „Immelmann“  in Bremgarten bei Freiburg i.B., zu dem die Düsenjäger gehörten, die die Befliegung durchführen sollten.  Wir brauchten noch ein „Hauptquartier“. Das fand sich auf der Wiese eines befreundeten Bauern. Ich gab Klaus Bescheid: „Alles vorbereitet, es kann losgehen!“ Als das Wetter stimmte – es musste eine strahlungsreiche Hochsommerwitterung herrschen – kam der Vorbescheid: „Nächste Wochen wird geflogen!“ Das Fernsehen wurde informiert. Man sagte zu, ein Kamerateam zu schicken, das einen Bericht für die Abendschau aufnehmen solle. Die Bevölkerung wurde in der Presse über die Befliegungen informiert; immerhin mussten die Phantom-Düsenjäger morgens, mittags und abends mehrmals über die Stadt im Tiefflug fliegen. Alles lief planmäßig – und dann sahen wir am frühen Morgen von unserem Hauptquartier aus tatsächlich die Düsenjäger heranfliegen, erst als Punkte, dann immer größer, lauter werdend… und weg. Die Bundeswehr rief an: „Alles planmäßig, die Bilder sind im Kasten. Mittags fliegen wir wieder.“ Tatsächlich, und auch am Abend flogen die Düsenjäger über Bretten hinweg… bis die Nachricht kam, dass die Mittagsbilder nichts geworden sind und am Abend erst gar keine mehr gemacht wurden, der Flug aber trotzdem „als Übung“ durchgeführt worden sei  … man müsse die Befliegung wiederholen. Das geschah zwei Wochen später, aber ohne Schüler, die inzwischen in den großen Ferien waren, und ohne Messstationen am Boden… Die Klasse hatte dann noch einige Arbeit mit dem Aufarbeiten der Ergebnisse. Sie wurden im Foyer des Rathauses ausgestellt. Beim Peter und Paul-Fest im folgenden Jahr besuchten uns die verantwortlichen Offiziere und übergaben als Erinnerung das Bild einer senkrecht in den Himmel „schießenden“ Phantom. Lange hing es im Geographieraum der Schule über der Tafel….

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Nochmal PILZ: Um ein brauchbars Ergebnis zu erhalten, mussten die Schüler/innen an fünf Messstationen 24 Stunden lang die Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Windstärke und -richtung messen. Die Messungen begannen am Vortag der Befliegung um 18 Uhr. Gegen 5 Uhr am Morgen meldete sich mein Sprechfunkgerät (die Feuerwehr hatte uns die Geräte geliehen): Die Mädchen der Station im Sprantaler Tal teilten mit, es nähere sich eine Person, ein Mann, sie hätten Angst, ich solle kommen. Ich raste zur Station. Die Mädchen waren noch in Aufregung, aber der Mann war wieder weg, er sei auch gar nicht ganz herangekommen. Wir vermuteten Schlimmes. Ich meldete den Vorfall bei der Polizei. Ja, danke, man werde dem nachgehen. Wenig später rief der Polizist an. Der Verdächtige war der Zeitungsausträger gewesen, der auf dem Weg nach Sprantal die eigentümliche Station bemerkt hatte und doch mal nachsehen wollte, was da vor sich ging….

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Es war ganz am Anfang meiner Lehrerzeit, am Lessing-Gymnasium in Karlsruhe, damals (immer) noch reine Mädchenschule. Ich hatte die Schülerinnen einer 7. Klasse dazu überredet, ein Theaterstück einzustudieren. Nach kurzer Zeit hatten alle Feuer gefangen, und keine wollte abseits stehen. Die Proben liefen zügig. Kurz vor der Premiere fuhr ich an einem Sonntagvormittag noch einmal in die Schule, um in Ruhe die Kulissen zu richten. Mitten in der Arbeit klapperten Türen, meine Schülerinnen kamen auf die Bühne: „Ja, wo kommt ihr denn am heiligen Sonntag her? Ist die Schule nicht abgeschlossen?“ Nach kurzem verdutzten Erstaunen erklärten sich die Schülerinnen: Eine von ihnen hatte vor der Schule mein Auto gesehen, die anderen alarmiert und alle seien schnell gekommen, weil sie dachten, es sei Probe und sie hätten es vergessen….  ein Fenster habe offen gestanden, und sie seien da eingestiegen… Was blieb mir übrig, als mit den begeisterten Schauspielerinnen eine außerplanmäßige Probe abzuhalten…

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Den Versuch, in der zweiten morgendlichen Unterrichtsstunde einer müden 11. Klasse einen geographischen Inhalt durch immer wieder neue methodische Kunstgriffe nahezubringen, breche ich dann doch ab und schreite zu einer Diskussion über die Gründe der morgendlichen Lethargie. Erst einmal sprachlos bin ich, als eine Schülerin mitteilt: „Der Lehrer in der ersten Stunde kam rein und sagte gleich, wir seien jetzt wohl zu müde für den Unterricht. Er allerdings auch, und er hoffe, dass dieser Tag schnell zu Ende gehe. Im übrigen freue er sich, dass bald wieder Ferien sind. Und da verlangen Sie von uns, dass wir uns mit dem Thema aufmerksam beschäftigen?“

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Nachdem sich die SMV nicht dazu in der Lage gesehen hatte, zu der anlässlich des Valentinstages mitten im Winter  vorgesehenen Rosen-Verschenk-Aktion Blumen zu organisieren, die ihren günstigen Einkaufspreis nicht der ökologisch und sozial schädlichen  Produktion in einem tropischen Land verdanken, schlug der Geographielehrer – ich – seinen Siebtklässlern vor, doch wenigstens in einer Ausstellung auf die Problematik hinzuweisen. Sie lehnten protestierend ab: „Sie wollen uns auch alles kaputt machen!“

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Exkursion mit dem Leistungskurs Geographie ins Ruhrgebiet. Da der Kurs klein war, fuhren wir mit einem VW-Bus und einem geräumigen Privatwagen, den ein Vater zur Verfügung gestellt hatte. Die Kommunikation untereinaner erfolgte während der Fahrt mit Walkie-Talkies. An einer Ausfahrt von der Autobahn verhinderte ein dicker LKW, dass der Privatwagen auf die Ausfahrtspur einfädeln konnte:  Er fuhr geradeaus, wir fuhren ab. Schnelle Verständigung per Funk: Weiterfahren bis zur nächsten Ausfahrt, dann zurück, wieder Kontakt mit uns aufnehmen. Gesagt, getan. Nach einiger Zeit meldeten sich die Schüler aus ihrem Auto. Ich lotste sie anhand der topographischen Karte per Funk zum Treffpunkt. Aber es geschah nichts. „Wo seid ihr?“ „Wir stehen hier an einem Waldweg. Aber der Waldweg ist für Fahrzeuge aller Art gesperrt. Ich kann nicht weiter. Ich habe den Führerschein ganz frisch, und wenn ich erwischt werde…“ Da half nur eines: „Ich verspreche dir, wenn du erwischt wirst, dann gehe ich für dich ins Gefängnis. Bitte kommt jetzt!“ funkte ich. Ein paar Minuten später sahen wir den Wagen auf dem Waldweg heranfahren. Am Steuer eine genervte Fahrerin. Ich brauchte nicht ins Gefängnis.

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Ein Schüler des Deutschkurses, der – insgesamt ganz pfiffig, aber den Unterrichtsinhalten eher reserviert gegenüber – schreibt in einer Klausur für alle überraschend, aber erfreulich „12 NP“. Zur nächsten Unterrichtsstunde erscheint er reichlich verspätet. Er übergibt mir eine handgeschriebene Entschuldigung: „Sehr geehrter Herr Dr. Schallhorn. Aus mir unerfindlichen Gründen habe ich heute tödlich verschlafen! Ich weiß nicht, welcher Dämon mich zurück in die Federn drückte, aber es tut mir leid, vor allem, da ich, wie Sie ja wissen, Ihren Unterricht ständig mehr zu schätzen weiß. Ich gelobe Besserung und möchte auf keinen Fall den Eindruck erwecken, ich würde mich auf meinen 12 Punkten ausruhen. Mit freundlichen Grüßen Y.K.“ Ich erinnere mich leider nicht mehr, ob die gelobte „Besserung“ realisiert wurde. (Anmerkung zu den „12 NP“: Y.K. widersprach es natürlich, wie alle anderen die „Erläuterungen zu…“ zu lesen und brav in der Arbeit niederzuschreiben, was er da an Wahrheiten gefunden hatte. Stattdessen machte er sich mutig eigene Gedanken und legte sie mir in seiner Arbeit vor. Der Protest der Mitschüler ließ nicht lange auf sich warten: „Das steht doch gar nicht in den „Erläuterungen…“!“)

28a
Es ist das Jahr 2000.  Der Schüleraustausch mit dem Frycz-Modrzewski-Liceum in Warschau wird dieses Jahr von der Theatergruppe übernommen – wir wollen in Warschau unsere Inszenierung von „Andorra“ von Max Frisch spielen. Der deutsche Zoll erscheint mit drei Beamten in der Schulaula, inspiziert alles, was wir mitnehmen müssen. Alles bekommt eine zollamtliche Nummer, ich eine umfangreiche Zollbescheinigung, alles hat seine Ordnung. Schließlich ist der Bus gepackt, Requisiten, Technik, Kostüme, diverse Koffer mit Kleinzeug, alles drin, und die Fahrt mit dem Bus geht los. An der (damals noch bestehenden) Grenzanlage hochnotpeinliche Befragung und Untersuchung. Die zollamtliche Bescheinigung wird geprüft, die Vollständigkeit der mitgenommenen Gegenstände bestätigt. Aber ohne Einladung keine Weiterfahrt. Rückruf in der Warschauer Schule: Hier ist eine deutsche Schülergruppe, die will zu Ihnen zum Theaterspiel… Aber alles hat seine Ordnung, der Schlagbaum geht hoch, wir fahren in Polen ein. Noch einige Stunden Fahrtzeit  bis Warschau. Es ist kurz vor Mitternacht am Warschauer Stadtrand. Die Spannung steigt: Wie wird die Familie meines Austauschschülers sein? Sie warten jetzt alle vor der Schule, noch eine halbe Stunde .. da kracht es hinten links. Ein Blaulicht, der Fahrer bremst. Ein Polizeiwagen ist dem Bus ins Heck gefahren – Beulen an beiden Fahrzeugen. Die Polizisten sprechen kein Deutsch, der Fahrer kein Polnisch. Aufregung. Ich rufe meine Kollegin an, sie kommt zum Ort des Geschehens, spricht mit den Polizisten. Sie behaupten, unser Fahrer habe Schuld, der fühlt sich völlig schuldlos. Nach Beendigung des Palavers ist es 1.30 Uhr, und die Eltern warten immer noch vor der Schule.  Aber wir dürfen fahren, der Fahrer soll sich am Tag bei der Polizei melden… und das bleibt seine Hauptbeschäftigung während unseres Aufenthaltes in Warschau. Mit Hilfe einer polnischen Lehrerin einigt man sich schließlich nach einigen Tagen Verhandlung, dass den Fahrer keine Schuld trifft: Die Polizisten hatten den Unfall inszeniert, damit eine andere Beule, die sie in ihr Ensatzfahrzeug gefahren hatten, nicht auffällt… Die Theateraufführung war ein großer Erfolg, sogar die Warschauer Tagespresse berichtete.

28b
Alles hat ein Ende, auch ein Schüleraustausch in Warschau. Alle sind zufrieden, die Aufführung wird gelobt, man freut sich auf ein Wiedersehen in Bretten. Der Fahrer bekommt noch einige Instruktionen, wie er sich verhalten soll, wenn wieder Polizisten behaupten, er habe etwas falsch gemacht und er solle Strafe zahlen, bar, selbstverständlich, sofort, an sie. Es ist Abend, als der Bus sich Richtung Westen in Bewegung setzt. Nachts, in der Gegend von Breslau, bekommt die Mannschaft angesichts einiger Schnellrestaurants am Wegesrand Hunger. Ob man anhalten könne. Man kann. Große Freude. Auch der Fahrer legt eine wohlverdiente Pause ein. Plötzlich Sirene, Blaulicht, ein Polizeiwagen. Die Beamten springen heraus, erkundigen sich nach dem Fahrer, eilen auf ihn zu und sprechen viel Polnisch. Als sie bemerken, dass der Fahrer nichts versteht, wechseln sie auf Deutsch (wir sind nahe Breslau!). Der Fahrer versteht: Er habe an einem Bahnübergang vor ca. 20 km nicht vorschriftsmäßig gehalten und sich nicht vergewissert, dass kein Zug kommt, sondern sei, wenn auch langsam, so doch keineswegs mit vorgeschriebener Schrittgeschwindigkeit weitergefahren. Mit 50 DM sei die Sache ausgestanden, sofort, selbstverständlich, hier an sie, die Beamten,  ansonsten Polizeirevier  … Befragungen … Protokolle… Weiterfahrt erst nach Klärung der Angelegenheit, das könne dauern… Wir sind gespannt, was passiert, haben dann aber doch nicht damit gerechnet: Unser Fahrer hat seine Lektionen in Warschau blendend gelernt. Er  lässt ein Donnerwetter von deutsch-polnischem Mischmasch auf die Beamten herunterdonnern, alle Gesten, die Worte, die Lautstärke, die Entschlossenheit signalisieren den polnischen Polizisten: Nicht noch einmal mit mir! Nicht hier! Nie mehr! Und die beiden Beamten erkennen, dass hier nichts zu holen ist: Mit gleicher Entschlossenheit, gleicher Lautstärke und wilden Gesten – ziehen sie sich zu ihrem Einsatzwagen zurück, schalten das Blaulicht aus, fahren von dannen – und wurden nicht mehr gesehen….

28c
Grenzübertritt, es ist ziemlich früher Morgen. Der Schlagbaum ist auf, ein schläfriger Grenzbeamter winkt aus seinem Häuschen, wir sollen weiter fahren. Das tun wir – auf Wiedersehen, Polen!

28d
Ein halbes Jahr später. Ich bekomme ein Schreiben vom Zollamt. Ich werde aufgefordert, eine zollamtliche Erklärung über die nach Polen eingeführten Gegenstände abzugeben, Scheinwerfer mit Stativ, Lautsprecheranlage, Tonmischpult, diverses Kleinzeug. Ich schlucke. Ich frage nach: Die zollamtliche Bescheinigung über die Einfuhr der Gegenstände, die wir zum Theaterspielen gebraucht haben, liege vor, aber die entsprechende Bestätigung über die Ausfuhr nicht – richtig, wir waren ja auch an der Grenze durchgewunken worden, ich hatte mir keinen Stempel abgeholt….  Ich erkläre, dass alles wieder da ist, es liege im Theatergruppen“kabäuschen“ – einem Abstellraum an der Aula. Gut, man werde eine Ortsbesichtigung durchführen.  Wieder kommen drei Zöllner, alles wird sorgfältig in Augenschein genommen, und nach einer Ermahnung, demnächst auf die ordnungsgemäße zollamtliche Abfertigung nicht nur bei der Einreise, sondern auch bei der Ausreise zu achten, geben sich die Beamten zufrieden und trollen sich. Ein nächstes Mal gab es nicht – denn seit der Öffnung der Grenzen kann ohne Zollpapiere ausgeführt werden, was eingeführt wurde… und als wir dann im Jahre 2006 wieder mit großem Gepäck nach Warschau zur Theateraufführung „Der Schulfreund“ gefahren sind, gab es keine Zollformalitäten mehr und keine Stempel.

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Das Jahr 1994. Die Theatergruppe hatte mit großem Erfolg „Die Nashörner“ von Eugene Ionesco aufgeführt. Wir waren eingeladen worden, die Inszenierung auch in der Namenspartnerschule aufzuführen, dem Melanchthongymnasium in Lutherstadt Wittenberg. Gerne sagten wir zu, die Partnerschaft zwischen beiden Städten war gerade geboren und noch eine zarte Pflanze, die es zu hegen und zu pflegen galt. Wir wollten gerne dabei sein. Der Bus sollte uns kurz nach dem mittäglichen Schulschluss vor der Schule abholen. Also trugen wir alles, was wir so benötigten, auf den Gehsteig beim Abfahrtsort – Stative, Scheinwerfer,  Tonanlage, Kostüme mit den Kleiderständern und, und, und – und natürlich die sorgfältig und liebevoll aus Pappmaché hergestellten Nashornköpfe. Als Schulschluss war, strömten die Schüler aus dem Haus, sahen uns und die aufgereihten Gegenstände und wechselten spontan die Gehrichtung – hin zu uns. Rufe wurden laut: Prima, hier ist Flohmarkt! Nee, das ist Sperrmüll, komm, wir nehmen was mit, das kann ich gut gebrauchen! Was kostet so ein Nashornkopf? Und der Scheinwerfer? Nur mit Mühen und vereinten Kräften konnten wir die Besucher des vermeintlichen Flohmarktes davon abhalten, unser kostbares Theatergruppeninventar zu plündern!

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Als gebürtiger Berliner, der in Düsseldorf aufgewachsen ist, fiel es mir nicht immer leicht, mich in der südwestdeutschen Sprachlandschaft zurechtzufinden. Während der Studentenzeit in Freiburg i. Br. erschien das Alemannische noch nicht als  Problem, denn die meisten Studierenden kamen sowieso aus dem deutschen Norden, und so war man auch, was die Sprache betrifft,  weitgehend „unter sich“. Schwieriger wurde es als Referendar in Ettlingen oder dann als Lehrer in Bretten – wenngleich erforderliche Ausreisen aus dem Badischen ins Württembergische mir schnell klar machten, dass die Einheimischen in der Rheinschiene und den angrenzenden Landschaften – Bretten liegt im südlichen Kraichgau – meinem Sprachverständnisvermögen ungleich mehr entsprachen als die nur wenige Kilometer weiter östlich Ansässigen. Schon in  der Stuttgarter Straßenbahn fühlte ich mich regelmäßig als Sprachen-Ausländer. Gleichwohl – eine meiner ersten Aktivitäten in Bretten war im Fach Deutsch die Untersuchung der Sprache der Brettener. Angehörige wurden nach den Ausdrücken für bestimmte Gebrauchsgegenstände gefragt, die Aussprache wurde von den Schülern untersucht, auf Tonband festgehalten und kartiert; Probanden für gleiche sprachliche Auskünfte wurden auf dem Brettener Marktplatz gesucht und gefunden. Das Ergebnis war nicht weltbewegend und überraschend, fand sich aber doch mit Text und Karte eines Tages in den „Brettener Nachrichten“ wieder, damals noch viel gelesene und immer noch einzige lokale Tageszeitung. Die Schüler ordneten die Brettener Mundart ein in den Grenzbereich zwischen Fränkisch, Rheinfränkisch und Alemannisch, ein weder revolutionäres noch wissenschafts-innovatives Ergebnis, für Schüler aber doch überraschend neu.

30b
Zwei Ereignisse in diesem Zusammenhang gehen mir nicht aus dem Kopf. Gymnasium Ettlingen, Referendar Schallhorn unterrichtet Deutsch in Klasse 5. Eine Fabel ist dran, irgendetwas mit einem Fuchs. Ich stelle eine Frage, und ein pfiffiger Schüler antwortet: „D‘ Fuchs het gschrauet!“ Ich schlucke und bitte den Schüler um Wiederholung. Was hast du gesagt? D‘ Fuchs het gschrauet. Ich frage die anderen Schüler: Was hat der Fuchs (so weit hatte ich es verstanden)? Fast im Chor antwortet die Klasse: „Er het gschrauet!“ Mein hilfloser Blick zu meinem Einführenden Lehrer – der wieder einmal in der Stunde anwesend war – veranlasst mich, die Sache auf sich beruhen zu lassen, die Antwort des Schülers zu akzeptieren und wohlwollend fortzufahren:  „Also, der Fuchs hat gschrauet ….“ Erst nach der Stunde frage ich meinen Lehrer, was der Schüler denn da gesagt habe. In seiner ruhigen, bedächtigen Art erklärt er: „Der Fuchs hat geschrien. Aber lassen Sie es gut sein, so sprechen sie hier in Ettlingen…“

30c
Einige Jahre später. Ich bin Lehrer in Bretten, Klassenlehrer Klasse 5, heute ist ein Neuer da. Er stellt sich vor, erzählt allerhand. Dann frage ich nach, weil ich weiß, dass er Fahrschüler ist: „Wo wohnst du denn?“ Antwort: „In Batschenborn.“ Ich gehe meine mentale Landkarte der Umgebung durch – ein Batschenborn gibt es da nicht. Ich frage nach: „Wo ist das denn?“ „Na, in Batschenborn!“ Ich frage die Klasse, keiner weiß Genaues. Der Ort, aus dem der Neue kommt, ist nicht auffindbar. Nach der Unterrichtsstunde frage ich einen Geographiekollegen: „Batschenborn? Keine Ahnung.“ Da kommt mir eine Idee. Wenn der Batschenborner Schüler Fahrschüler ist, dann müsste ein Kollege, der jeden Tag aus dem weiteren Umland in die Schule fährt, vielleicht Bescheid wissen. Ich frage mich durch. Bei einem Kollegen aus Heidelberg macht es Bingo: „Batschenborn? Das sagt der Lautsprecher immer in einer Station  zwischen Bruchsal und Wiesloch. Batschenborn. Gemeint ist Bad Schönborn —“ Damals wäre mir sicherlich das Lied eingefallen, wenn es denn schon geschrieben worden wäre:  „Ssänk ju for träwelling wiss Deutsche Bahn“…..

30d
Selten, aber doch geschah es, dass sich das sprachliche Problem auch in meinen Alltag einschlich. Als es – ich war Referendar in Ettlingen – zum ersten Mal passierte, war ich ratlos, und wenn mein Einführender Lehrer mich im Lehrerzimmer nicht beiseite genommen und beruhigt hätte, dann ….. Was war passiert? Frohgemut war ich aus einer gelungenen Unterrichtsstunde ins Lehrerzimmer gekommen. Da sah ich meinen  Kollegen der ehrwürdigen Art:  Kerzengerade, schwarzer Anzug, Fliege, schwarzer, eckiger Schnauzer, Ur-Ettlinger, Professor Raat, der in dem Roman von Heinrich Mann von den Schülern zu Professor Unrat umbenannt wird, ließ grüßen. Ich hatte schon länger eine Frage an ihn stellen wollen, die Gelegenheit war günstig. Ich wendete mich mit meiner Frage also an ihn – und erlebte unvermutet den Wutanfall eines sonst immer dezent auftretenden Kollegen, den ich mein Lebtag kaum vergessen werde. Rot im Gesicht ließ er eine offensichtliche Schimpfkanonade auf mich hernieder, die ich leider nicht verstand, weil sie in Ur-Ettlinger Dialekt geäußert wurde. Zum Glück nahm mich dann mein Enführender Lehrer… siehe oben. Er zog mich aus dem Lehrerzimmer in den Flur und erklärte: „Sie haben da sehr berlinerisch gesprochen. Aber unser Kollege ist auf Preußen nicht gut zu sprechen. Da müssen Sie aufpassen. Aber nehmen Sie es nicht zu ernst, das vergeht wieder. Und versuchen Sie, nicht zu berlinern….“

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Heute (3. Mai 2014) lese ich in der Zeitung, dass das kleine rote Büchlein, die „Mao-Fibel“, korrekt: „Worte des Vorsitzenden Mao Tse-Tung“, 50 Jahre alt geworden ist. Da fällt mir ein:
Als junger Assessor des Lehramts am Lessing-Gymnasium in Karlsruhe, damals noch reine Mädchenschule, Anfang der 1970er Jahre. Ich war Deutschlehrer in einer 8. Klasse. Eines Tages werde ich von der Schulleiterin informiert, dass die Eltern der 8. Klasse mich zu einem Gespräch bitten, der Termin sei kurzfristig, sie bittet mich, der Einladung zu folgen. Ich frage nach, bekomme keine weiteren Auskünfte. Der Tag des Elterngesprächs ist da. Ich habe gründlich gegrübelt, weiß aber immer noch nicht, worum es geht. Früher Nachmittag, die Eltern sind da, einige, nicht nur die Elternvertreter. Die Schulleiterin bittet mich, noch ein wenig zu warten. Sie geht hinein. Sie kommt wieder heraus, ich möge eintreten. Ich weiß immer noch nicht, was los ist, alles erscheint hochnotpeinlich. Begrüßung durch die Eltern. Die Schulleiterin wünscht ein gutes Gespräch und verlässt den Raum – sie habe noch Dringendes zu erledigen. Ein Vater beginnt das Gespräch. Und was kommt heraus: Ich habe in der Klasse vor einigen Tagen ganz nebenbei am Ende der Stunde  das Schüler-Pendant zur Mao-Fibel den Schülerinnen gezeigt, „könnt ihr ja mal reingucken“, zu Hause, im Unterricht sei dazu leider keine Zeit. Eine Schülerin hat sich’s gekauft, die Mutter gefunden. Empörung, denn zur damaligen Zeit stand in „Das kleine rote Schülerbuch“ Entsetzliches: „Viele von euch meinen: es nützt ja doch alles nichts. Wir setzen nie etwas durch. Die erwachsenen entscheiden alles – und unsere freunde haben angst oder sind gleichgültig.“ Und so weiter, auch unerhört Unsittliches auf einigen Seiten (wer las damals aber nicht schon unter der Bank während der Schulstunde längst die Ratschläge von Dr. Sommer in Bravo??) – wer das Büchlein (noch) zu Hause hat, möge es nachlesen. Den Eltern erschien die 68er-Revolution in Gestalt von Assessor Schallhorn in der doch bisher so friedlichen, altehrwürdigen Schule angekommen…. Kurzum: Wir einigten uns nach ehrlicher Aussprache auf Unterlassung der Revolution. Aber einige Eltern gingen mit dem festen Vorsatz nach Hause, doch mal in den Schultaschen ihrer Kinder nachzuschauen, was da so alles zu finden wäre, Bravo – so die einhellige Meinung der anwesenden Eltern – jedenfalls nicht! Und „Das kleine rote Schülerbuch“ schon gar nicht!  Wenig später lag in der Pause auf dem einen oder anderen Schülerpult plötzlich offen (!) die neueste Ausgabe von Bravo – und die Schülerinnen baten mich, mit ihnen doch „Das kleine rote Schülerbuch“ gemeinsam zu lesen, was ich (in Auszügen) dann auch gerne tat… und die Revolution blieb tatsächlich aus – oder?

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Im Internet stoße ich auf einen interessanten Link: Anknüpfend an die allmählich sich verbreitende Erkenntnis, dass „der imposante Jargon und die eindrucksvolle Gelehrsamkeit der postmodernen Philosophie ein erschreckendes Faktum verbergen: Der Kaiser ist nackt“ (Sokal/Brickmont: Eleganter Unsinn) und mir das angesichts von Veröffentlichungen neuester geographiedidaktischer Forschungen durchaus zu denken gibt, kann man nach dem Einloggen in Sekundenschnelle einen wissenschaftlichen Aufsatz – mit Abbildungen, Fußnoten und Literaturverzeichnis – generieren und durch die Veröffentlichung seine wissenschaftliche Reputation ungemein erhöhen. Ich logge mich also ein. Es wird ein Partner verlangt – ich gebe den Namen von Freund F. ein. Return. Wie versprochen: Sekundenschnell erscheint der Aufsatz, als Autoren werden F. und ich genannt, was will man mehr? Der Titel ist Ehrfurcht einflößend: „Decoupling Reinforcement Learning from Kernels in the World Wide Web.“ Ich schicke den Aufsatz meinem Co-Autor. Überraschung! Surprise! Ich erkläre. Nach einiger Zeit erzählt er mir: Er habe den tollen Aufsatz – natürlich voller Stolz – seinen Kollegen gezeigt. Nachdem die ihre Sprachlosigkeit überwunden hatten, ätzten sie:  So so, dafür habe er Zeit, jetzt wüssten sie es ja, warum er sich bei der Mitarbeit in einer der vielen Kommissionen zur Qualitätsverbesserung ihrer Schule und des Unterrichts immer so zurückgehalten habe! Das sei aber nun wirklich nicht fair….

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Mit Beginn meiner Lehrertätigkeit am Melanchthon-Gymnasium Bretten gründete ich eine Theatergruppe. Den Namen „Theatergruppe“ (anstatt z.B. Theater-AG) übernahm ich in guter Erinnerung an meine eigene Schülerzeit am Schloss-Gymnasium in Düsseldorf-Benrath, wo ich drei Jahre lang in der Oberstufe Mitglied in der Theatergruppe war (unvergessen Herr OStR Fleischhauer, unser „Japs“). Und die Leitung einer Theatergruppe schließt nicht nur die wöchentliche Probe ein, sondern auch Planung und Organisation der Aufführungen, Besorgen von Requisiten, Technik, Bühnenbild, Plakate, Eintrittskarten, Einwerben neuer Mitglieder, Motivation aller Art…. Oft habe ich zu Beginn des Schuljahres Kolleginnen und Kollegen gefragt, ob sie nicht Lust hätten, bei der Leitung mitzumachen. Meistens bekam ich Absagen, nein, das sei nichts für die/den Gefragten. Manchmal kam aber die Bereitschaft, ja, man werde zur nächsten Probe kommen und mal sehen. Und tatsächlich kam dann auch mal die eine oder der andere. Aber immer ergab sich der gleiche Ablauf: Spätestens zur vierten  Leseprobe zum neuen Stück entschuldigte sich der neue Interessent: Er könne heute wirklich nicht, aber das nächste Mal bestimmt wieder. Das nächste Mal konnte er/sie dann aber leider auch nicht, und beim übernächsten Mal hat er/sie sich dann gar nicht mehr abgemeldet. Manchmal habe ich dann nachgefragt: Nein, so die Antwort, so richtig sei das nichts für sie/ihn, so viel Arbeit zusätzlich, und dann auch noch freitagnachmittags, so habe sie/er es sich nicht vorgestellt….

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Anfang der 1980er Jahre. Das Ländle hatte einen neuen Kultusminister bekommen, Gerhard Meyer-Vorfelder, kurz MV. MV hatte sein besonderes Augenmerk auf das Fach Geographie, oder wie es in der Schule damals noch mehr als heute hieß: Erdkunde geworfen. Ihm war ein Dorn im Auge, dass die Erdkundelehrer sich mit Themen, anstatt mit Ländern und Regionen befassen wollten. Denn wir waren angeregt worden, nicht nur z.B. Stuttgart im Unterricht zu behandeln (nach Mannheim und Karlsruhe und Freiburg und Offenburg und Ulm), sondern mit den Schülerinnen und Schülern zu überlegen, wie Großstädte entstehen und funktionieren. Gar nicht so falsch, da blieb so manche Wiederholung weg. Oder Häfen: Nicht nur Hamburg und Mannheim als See- oder Binnenhafen, sondern einfach Häfen: Wo, warum, wie…. MV sah da keine Ordnung, nur Unordnung, und vor allem viel Ferne, anstatt der erwünschten Nähe. Wir sollten lieber unterrichten, dass der Neckar in Heidelberg (!!!)  in den Rhein münde, das sei richtiger erdkundlicher Unterrichtsstoff in Klasse 5…. Vom Nahen zum Fernen wurde zum unumstößlichen Unterrichtsprinzip erhoben, alles Andere sei mehr oder weniger schülerfeindlicher Humbug. Bullshit, würde man heute sagen.

34b
Dann gab es eine Lehrer-Fortbildungsveranstaltung auf der Comburg, wo seinerzeit die Akademie für Lehrerfortbildung untergebracht war. Wir hörten lustlos den unteren Kultusministerialen zu, die uns den neuen, nun absolut richtigen Lehrplan erläuterten. Musterbeispiel für „vom Nahen zum Fernen“ sei die Landwirtschaft. Wir wurden dazu angeregt, mit den Schülerinnen und Schülern einen Bauernhof in der Nähe der Schule zu besuchen, da könnten dann alle sehen, wo die Milch herkomme, ein Kalb oder auch ein Lamm streicheln, die Schweine sehen, erkennen, wie der heimische Betrieb sowohl das Futter für das Vieh selbst anbaue und noch ein wenig mehr für den Markt in der Nachbarschaft und überhaupt: Ländliches Leben genießen. Zaghafte Einsprüche von Kollegen aus der Großstadt, das sei gar nicht so einfach, weil kein Bauernhof in der Nähe, wurden heruntergebügelt. Warten Sie ab, wir haben die Besichtigung eines Musterbauernhofes vor, morgen, dann werden Sie sehen, wie das mit Fünftklässlern geht, vom Nahen zum Fernen…  Am nächsten Tag fuhr ein Bus vor und brachte uns zum Musterbauernhof. Kein Tier zu sehen, die Hoffläche sauber, mit Platten belegt – eigentlich sollten wir zur Begrüßung die Kätzchen streicheln, mit einem Lamm kuscheln und uns daran erfreuen, wie die Sauen mit ihren Ferkeln im Matsch suhlen. Fehlanzeige. Im Stall die Milchkühe, leider nur ein sehr junges Kalb, bitte nicht streicheln. Wo ist der Schweinestall? Dort. Aber Sie können da nicht hinein, das ist verboten. Die Schweine haben’s dunkel, sie schlafen. Sie können durch das Fenster hineinsehen, ich schalte ganz kurz das Licht an… Wo bauen Sie denn das Futter an? Unsere Felder sind dort drüben… Ich schaue mich auf dem Hof um. Hinten um die Ecke sehe ich zwei Ánhänger stehen. Ich gehe hin. Sie sind voll beladen mit Sojaschrot. Ich mache die anderen darauf aufmerksam, der Bauer erläutert, er habe das Futtermittel heute Vormittag aus dem Heilbronner Hafen geholt, es komme aus Südamerika. Ich frage den kultusministerialen Leiter unserer Exkursion, wie wir das denn im Unterricht umsetzen sollen, denn das Futtermittel komme ja nun mitnichten aus der Nähe. Da bin ich ihm wohl zu nahe getreten, denn sichtlich genervt murmelt er, so eng sei das nun auch nicht zu verstehen und außerdem müssten wir wieder zurückfahren, der Bus warte…

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Nicht ganz zum Thema „Lehrerleben“, eher zu“Leben“ passend: Heute (19. Juni 2015) lese ich in der lokalen Zeitung, dass als Folge des Starkregens mit verheerendem Hochwasser in der Stadt und besonders in Diedelsheim am Abend des 6. Juni 2015 „als erste Maßnahme in Diedelsheim“ vorgesehen sei, „entlang des Saalbaches Erdwälle und Dämme“ zu errichten oder bestehende zu erhöhen. Lese ich richtig? In mir steigt die Erinnerung hoch (ich sehe den halluzinierenden Orest in Goethes „Iphigenie“ vor mir):  In den 1980er Jahren war ich auf der FDP-Liste überraschend in den Gemeinderat der Stadt Bretten gewählt worden (die auch in Bretten damals staatstragende CDU war „not amused“) und trug zusammen mit einer FDP-Stadträtin Mitverantwortung für die Geschicke der Stadt – was sich angesichts unserer zwei Voten bei Abstimmungen trotz unseres besten Willens sehr schwierig darstellte. Gleichwohl trug ich unsere Argumente immer deutlich und ausführlich vor – was den Gemeinderat dazu veranlasste, eine „Lex Schallhorn“ zu verabschieden (gegen zwei Stimmen): Die Redezeit wurde auf drei Minuten begrenzt. Als ich nach einem der zahlreichen „Jahrhunderthochwässer“ des ansonsten friedlichen Kraichgaubaches Saalbach darauf hinwies, dass an bestimmten Stellen der Damm des Baches deutlich erniedrigt sei und dort bei Hochwasser zuerst das Wasser auf die danebenliegenden Felder und dann in die Keller der Häuser strömt (was einfach zu erkennen sei, wenn man hinschaute), erntete ich wieder einmal höhnisches Lachen, denn nach einem Gutachten eines Ingenieurbüros war das nicht so. Schön, dass nun, 30 Jahre später, die Erdwälle und Dämme… siehe oben….

35b
Als Stadtrat im Gemeinderat der Stadt Bretten eckte ich mit meinen Vorschlägen öfter an – die Brettener Nachrichten legten mir den Beinamen „Querdenker“ zu, was ich allerdings als Ehrung auffasste. Es waren also die 1980er  Jahre – beinahe 40 Jahre sind seitdem vergangen, und es scheint von heute aus gesehen, dass ich meiner Zeit (oder der „Denke“ der Stadträte) weit voraus war….
…einmal habe ich vorgeschlagen, dass die Brettener Firmen doch in eigener Regie Kindertagesstätten einrichten sollten, damit es den berufstätigen Eltern oder Alleinstehenden im Alltag leichter fallen könnte….(abgelehnt, inzwischen doch verwirklicht)…
…einmal habe ich vorgeschlagen, in das große Gebäude des hiesigen Gymnasiums einen Fahrstuhl einzubauen, damit es gehbehinderten Schülern/innen und Lehrern/innen leichter falle, in die fünf Etagen zu gelangen….(abgelehnt, inzwischen doch gebaut)…
…einmal habe ich vorgeschlagen, als das Dach des Gymnasiums aufgestockt wurde, eine Sternwarte dort oben einzurichten… (abgelehnt, im Nachbarort verwirklicht)….
…einmal habe ich vorgeschlagen, an der Einmündung von fünf Straßen einen Kreisverkehr einzurichten… (abgelehnt, inzwischen doch gebaut)….

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In den 1980er Jahren. Es ist die Zeit zwischen der schriftlichen und mündlichen Abiturprüfung. Ich treffe im Schulgebäude einen Abiturienten, tief traurig, versunken in die Auslage eines Schaukastens. Ich spreche ihn an, was denn los sei, es bestehe doch überhaupt kein Grund zur Traurigkeit. Doch, er müsse nach der Abiturprüfung zum „Bund“, zur Bundeswehr, um seinen – damals noch verpflichtenden – Wehrdienst abzuleisten. Er sei so traurig, bald Bretten verlassen zu müssen. Wehrdienst sei ja o.k., aber Bretten verlassen, das gehe doch überhaupt nicht! Ich versuche, ihn zu trösten, staatsbürgerliche Pflichten, Stärkung der Persönlichkeit, neue Erfahrungen… Es hat keinen Erfolg. Schließlich gebe ich zu bedenken, dass er doch an freien Tagen immer wieder nach Bretten zurückkommen könne, besonders aber zu Peter und Paul, dem Brettener Heimatfest. Auch das ist kein Trost. Wohin er denn komme, wo er in der Fremde seinen Wehrdienst ableisten müsse? Seine Antwort spricht Bände: Er müsse in Philippsburg einrücken, gibt er beinahe schluchzend dem zum Trost bereiten Lehrer bekannt, ausgerechnet Philippsburg, so weit…. Ich überlege: Philippsburg liegt gut 40 km von Bretten entfernt am Rhein, der ÖPNV  schon damals einigermaßen ausgebaut, die Reise von dort in die geliebte Heimatstadt Bretten durchaus kein abenteuerliches Wagnis… aber 40 Kilometer hin und zurück – das sind immerhin schon 80!!! Eine zu große Distanz für wahre Heimatliebe, fürwahr….

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Dieser Tage – acht Jahre nach dem Eintritt in den Ruhestand – lese ich in einer Zeitung einen Beitrag über das „scharfe s“, also den eigentümlichen Buchstaben Eszett des deutschen Alphabets, den es nur als besonderes, verschnörkeltes Zeichen und nicht als Großbuchstaben gibt – es gibt allerdings auch kein deutsches Wort, das mit ß beginnt. Und ich erinnere mich gleich an zwei Schlachten gegen Windmühlenflügel, in denen ich mich zeitlebens als Deutschlehrer  „verkämpft“ habe und grandios unterlegen bin. Hier die eine: Immer wenn ich eine 5. Klasse in Deutsch übernommen habe und die Schreibweise von s Unterrichtsthema war – spätestens dann kam das scharfe s zur Sprache, das auch anders bezeichnet wurde, je nach Grundschullehrerin, Rucksack-s beispielsweise oder Buckel-s. Aber scharf-s war die gängigste Bezeichnung. Meine Gegenfrage war dann stets: „Und wie heißt das stumpfe s?“ Kurze Ratlosigkeit war die Reaktion, und schließlich wurde das einfache s als „das andere s“ erkannt – nur: Ob das nun nicht besser als das stumpfe s bezeichnet würde? Aber: Gibt es stumpfe und scharfe Buchstaben? Wie, bitte, heißt denn das scharfe n, und was ist das stumpfe l? Oder ist das stumpfe p das b und das scharfe g das k? So kamen wir nicht weiter. Und dann schlug meine goße Stunde, und mein Beispielsatz wurde an die Tafel geschrieben: „Ich sehe, dass das weiße Auto um die Ecke saust.“ Was ist das scharfe s? Was das „stumpfe“? Wie unterscheiden sich dass und das und weiße in ihrer Schärfe oder Stumpfheit? In dieser Stunde dann jedenfalls konnte ich die Schülerinnen und Schüler überzeugen, dass da irgendetwas nicht stimmte. Ich erläuterte den Unterschied zwischen dem stimmhaften (sehe, sausen) und stimmlosen s (dass, das, weiße), wies auf die wichtige Unterscheidung der s-Laute im Englischen oder Französischen (z.B. ils ont – ils sont) hin, zeigte ihnen, wie sie durch leichten Druck auf den Hals beide s unterscheiden könnten – und stellte fest, dass es nicht allen Kindern gelang, das stimmhafte s zu sprechen. Wir einigten uns auf die neuen Bezeichnungen „stimmhaft“ und „stimmlos“. Dann ergänzte ich noch den offiziellen Namen des Buchstabens ß = Eszett, sie sollten mal im DUDEN nachschauen…. alle waren zufrieden. Regelmäßig meldete sich dann irgendein Kind – oder auch mehrere – in der nächsten Stunde: „Meine Mama hat gesagt gesagt, das heißt scharf-s!“ Na denn….

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Gleichermaßen erfolglos war ich bei einer anderen kritischen Einwendung gegen einen offenbar jahrhundelangen, stahlhart eingeschliffenen Gebrauch eines Wortes, das immerhin in der Schule eine besondere Bedeutung hat: Verbesserung. Schülerinnen und Schüler machen Fehler, und das ist gut so, denn aus ihnen lernen sie. Sie müssen allerdings auch tatsächlich erkennen lassen, dass sie einmal als falsch Gekennzeichntes zukünftig richtig machen können. In Mathematik ist das einfach, eine Aufgabe hat eine richtige Lösung oder sie ist falsch. Entweder ein Punkt oder keiner. In Deutsch ist das etwas schwieriger: Rechtschreib-, Zeichensetzungs- und Grammatikfehler können eindeutig berichtigt werden, Ausdrucksfehler sind oftmals nur verbesserungsfähig. Und weil ich zwischen „berichtigen“ und „verbessern“ unterschied, ermahnte ich Schülerinnen und Schüler, die R-, Z- und Gr-Fehler (A-Fehler haben wir gemeinsam besprochen) in ihren Klassenarbeiten zu „berichtigen“, denn Fehler sind nun mal falsch, deswegen können sie richtig gestellt, also berichtigt werden – und ebendiese Fehler seien nicht gut, deswegen könnten sie auch nicht besser gemacht, also: verbessert werden. Wenn also Fehler richtiggestellt werden sollten, dann müsse das in einer „Berichtigung“ erfolgen, nicht in einer „Verbesserung“. Das war mein Credo, und die Schülerinnen und Schüler haben das eigentlich auch in meinen Stunden eingesehen. Nur: Die Kolleginnen und Kollegen beharrten auf dem Ausdruck „Verbesserung“, das stand dann auch so in der Spalte „Hausaufgaben“ im Klassenbuch, und vorneweg waren dabei – die Mathematiklehrer, die den Kindern auftrugen, ihre offensichtlich guten, aber falschen  Berechnungen doch zu verbessern, in einer „Verbesserung“.

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Auch nach der Pensionierung lässt/ließ mich das Thema Schule und MGB nicht los. Das war wohl für einige zuviel des Guten. In einem Leserbrief an die Brettener Nachrichten schrieb ich angesichts eines 10-Mio.-Euro-Etats für die Renovierung eines Teils des Melanchthon-Gymnasiums Bretten, man solle doch ein neues Gymnasium an einem neuen Standort bauen anstelle der Investition einer solchen Summe, die doch nichts Grundlegendes verändern könne – die alte Dame MGB sei nunmehr in die Jahre gekommen, und man müsse die Konsequenzen (er)tragen. Shit-storm! Die Elternbeiratsvorsitzende der Schule schrieb in einer Leserbrief-Entgegnung in Anlehnung an Kästner (in meiner Formulierung), schöner sei immer schöner. Man solle jetzt das Mögliche fordern und nicht Unmögliches für die Zukunft. Ich bedauerte solchen Kleinmut, denn die Realisierung meines Vorschlags werde sowieso möglicherweise zehn Jahre in Anspruch nehmen, dann werde die Elternbeiratsvorsitzende ohnehin nicht mehr im Amt sein. Gleichwohl wollte die Elternbeiratsvorsitzende von meinen Gedanken ncihts wissen, warf mir sogar „Unverschämtheit“ in meiner Argumentation ihr gegenüber vor.  Immerhin wurde ich nach dem Leserbrief von einigen Brettenern positiv auf meinen Vorschlag angesprochen, zumal sich angesichts einer Planungspanne in der Stadt ein vielleicht geeignetes Grundstück an geeigneter Stelle ergeben hätte. Der Gemeinderat und die politischen Parteien der Stadt (außer je ein Stadtrat der Partei DIE LINKE und der CDU) schwiegen dazu….

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Immer wieder mal fällt mir Vergangenes ein. Stichwort Integration, damals noch nicht so richtig ein Thema… Meine 10. oder 11. Klasse hatte eine Deutscharbeit geschrieben, und heute besprach ich die Themen und gab die Hefte (damals noch Hefte, keine Schnellhefter…) mit den korrigierten Arbeiten zurück. Es war wie immer, Thema nur gestreift, Rechtschreibung suboptimal, Ausdruck immer wieder mal „voll“ daneben. In der Klasse waren zwei türkische Brüder, Zwillinge. Im Unterricht unauffällig. Aber (Freude! Überraschung!): Einer von ihnen hatte eine Arbeit geschrieben, die mir Respekt abnötigte, im Ausdruck sorgfältig, Thema bearbeitet, Rechtschreibung na ja… Er hatte gleiche Vorbereitungsbedingungen wie alle anderen, er hatte das Thema nicht kennen können (es war eine Erörterung), die Arbeit war gut. Punkt. Als sich das Ergebnis unter den Schülern herumgesprochen hatte, gab es zunächst leise, dann lauter Protest: Das sind doch Türken, die können doch gar kein Deutsch, wieso hat der eine 2 und ich eine 3 (oder 4)… Ich war erschrocken. Was war da los? Mit allem Nachdruck wies ich die Schüler zurecht und auf ihre diskriminierenden Äußerungen hin. Insgeheim wusste ich auch nicht, wie es zu der guten Arbeit gekommen war, aber es war nun mal so und das war auch gut so….

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Und da erinnere ich mich an einen anderen Vorfall: Klasse 12, Deutscharbeit über eine Lektüre (war es „Iphigenie auf Tauris“?). Die Schüler/innen schrieben eifrig, dann gaben sie ihre Hefte ab. Die Themen waren bei etwas Vorbereitung durchaus gut zu bearbeiten, aufgrund der Besprechung im Unterricht waren sie allerdings sicherlich auch kein Rätsel. Bei der Korrektur fiel mir eine Arbeit auf. Die Diktion passte so überhaupt nicht zu der Schülerin. Ich gab einen besonders auffälligen Satz bei Google ein – und Volltreffer: Ich fand den ganzen Aufsatz – bis auf Kleinigkeiten – im Internet. Die Schülerin musste – immerhin fleißig! – den gesamten Aufsatz aus dem Internet abgeschrieben und in das Klassenarbeitsheft als eigene Leistung eingetragen haben. Das war mir noch nie vorgekommen. Ich stellte die Schülerin zur Rede. Immerhin gab sie den Betrug zu. Da mir die Sache gravierend erschien, verabredete ich ein Gespräch mit dem Schulleiter im Beisein der Schülerin. Der gab einige laue Worte zu Fehlverhalten, Gewissen, Ehrlichkeit und Betrug zum Besten, er werde die Eltern informieren und hoffe … einmalig … nicht wieder… Nach einiger Zeit fragte ich nach: Die Eltern waren nicht infomiert worden, die Sache hatte keine Folgen, so schlimm schien alles nicht gewesen zu sein. Das bisschen Abschreiben….